Nachkriegsshopping bei Merkur

Heilbronn - In den Minuten, bevor am 8. November 1951 das Kaufhaus Merkur nach nur 142 Tagen Bauzeit zum ersten Mal seine Türen für die Kundschaft öffnet, stehen die Neugierigen nicht nur Schlange, nein: Sie drängen sich zu Hunderten vor dem Gebäude.

Von unserer Redakteurin Franziska Feinäugle

Email

Heilbronn - Der Begriff "Schlange stehen" reicht nicht aus, um zu beschreiben, was sich morgen vor 60 Jahren in der Innenstadt von Heilbronn abgespielt hat. In den Minuten, bevor am 8. November 1951 das Kaufhaus Merkur nach nur 142 Tagen Bauzeit zum ersten Mal seine Türen für die Kundschaft öffnet, stehen die Neugierigen nicht nur Schlange, nein: Sie drängen sich zu Hunderten vor dem Gebäude.

Apropos Gebäude. Auch damals, als die Stadt gerade erst den Trümmern des Krieges zu entkommen im Begriff ist, bietet die Frage, was genau wo gebaut würde, durchaus schon Anlass zu Diskussionen. So erfährt man aus der Berichterstattung der Heilbronner Stimme über die Merkur-Eröffnung, dass "der große moderne Bau in der Fleiner Straße ... in der letzten Zeit stark die Gemüter beschäftigt hat".

In seiner Ansprache dankt Oberbürgermeister Paul Meyle den Architekten Egon Eiermann und Robert Hilgers dafür, "dass auf die Wünsche der Stadtplanung eingegangen und kein Fremdkörper geschaffen worden" sei. Und es klingt sehr nach 1950er Jahren, wenn das Kaufhaus im gleichen Artikel beschrieben wird als "ein sehr zweckmäßiger und gerade in seiner Schlichtheit künstlerisch anständig wirkender Bau aus Stahlbeton".

Parallelen

Nicht nur in architektonischen Fragen zeigen sich Parallelen zwischen der Merkur-Eröffnung vor 60 Jahren und einer viel jüngeren Heilbronner Entwicklung, nämlich dem Bau des ECE-Centers, das im März 2008 unter dem Namen Stadtgalerie geöffnet und die Heilbronner Einzelhandelslandschaft ebenfalls nachhaltig verändert hat.

Mit der Stadtgalerie (deren eigenwillige Architektur noch heute umstritten ist, aber inzwischen mehr Freunde als Gegner hat) verband man bekanntlich die Hoffnung, "abgeflossene Kaufkraft nach Heilbronn zurückzuholen", wie es in der Formulierung des 21. Jahrhunderts ausgedrückt wird. 1951 wies der Heilbronner Oberbürgermeister darauf hin, dass "ein Haus wie das der Merkur AG auch Kundschaft nach Heilbronn" ziehe und außerdem zu der Ansicht beitrage, "dass es nicht notwendig ist, das Geld nach Stuttgart zu tragen".

Aus welchen Entfernungen die Menschen damals tatsächlich ihr Geld nach Heilbronn getragen haben, dafür mag das Beispiel der Familie Pommée stehen.

Karl Pommée, heute am damaligen Merkur-Standort Geschäftsführer von Galeria Kaufhof, erinnert sich, wie er "als kleiner Bub mit Vater und Mutter in Heilbronn war, um beim Barthel eine Hose zu kaufen" − von Reutlingen aus. Ans Kaufhaus Merkur, das er zu diesem Zeitpunkt theoretisch "hätte sehen müssen", entsinnt er sich nicht. Selbst falls er damals sogar drin gewesen wäre.

Der Merkur-Bau wurde nach nur 17 Jahren 1968 gesprengt, um einem größeren Horten-Kaufhaus zu weichen: Er war, berichtete die Stimme nüchtern, "durch das große Warenangebot zu eng geworden".


Kommentar hinzufügen