„Lebe und lerne sterben“

Symposium an Bruckmann-Schule rund um Tod und Abschiednehmen hinterlässt tiefe Eindrücke

Von Sabine Friedrich

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„Lebe und lerne sterben“
Im „Raum der Stille“ mit einem aufgebahrten Sarg, Kerzen, Blumenschmuck und einem Jesus-Bildnis konnten die Besucher beim Symposium fünf Minuten verweilen und die Bestattungsszenerie auf sich wirken lassen.Foto: Guido Sawatzki

Heilbronn - Wie traurig. Einsamkeit. Herzklopfen. Sprachlosigkeit. Verzweiflung. Spontan schreiben die Besucher ihre Gefühle auf, die der Anblick der Selbstmord-Szenen auslöst: hier eine erhängte Puppe, zu ihren Füßen ein Sammelsurium von Schnapsflaschen; dort ein Toter im Bett, auf dem Tisch der giftige Medikamenten-Cocktail, am PC der Abschiedsbrief: „Ich kann nicht mehr. Seid nicht traurig. Dort geht es mir besser.“ Eindrucksvoll widmen sich Berufsfachschüler für Altenpflege der Peter-Bruckmann-Schule in Heilbronn beim Symposium „Tod und Sterben“ im Suizid-Raum dieser Problematik. Lehrerin Claudia Bignion: „Wir wollten Betroffenheit auslösen.“ Die spiegelt sich auf vielen Gesichtern der über 300 Besucher wider, die sich auf Info- und Aktiv-Stationen, Vorträge, Filme, Autorenlesung und Podiumsdiskussion am Freitag einlassen. „Klasse und danke“, zollt Landrat Detlef Piepenburg der Kreisberufsschule seinen Respekt für diese Veranstaltung.

Verarbeitung Das Publikum ist bunt gemischt: Gymnasiasten von Philosophie- oder Ethikkursen aus dem Landkreis, Menschen, die sich in der Hospizarbeit engagieren oder einen Angehörigen verloren haben und hilflos dem Sterben begegnet sind. Fühlt sie sich mitschuldig? Wie geht sie damit um? Das sind Fragen, die der Altenpflegerin gestellt werden. Ihr Vater hat vor drei Jahren den Freitod gewählt. Die 23-Jährige, die an einem Tischchen mit Kerze, Kreuz und Bibel sitzt, bricht mit einem Tabu, redet über diesen Selbstmord - mit Fremden. „Das ist für mich die Verarbeitung“, sagt sie. „Umgehen kann ich damit schon, aber vergessen nie. Das prägt einen bis zum Tod.“ Das ist einer dieser vielen Sätze bei diesem Symposium, die unter die Haut gehen. Oder: „Im Ort wurde es tabuisiert. Da wirst du gar nicht mehr wahrgenommen“, erzählt eine Mutter der Heilbronner Stimme. Sie hat zwei Kinder beerdigen müssen. Ein Sohn ist überfahren worden, der andere war todkrank. „Er hat von Lichterlebnissen erzählt, die ich nicht als Realität hinnehmen konnte“, erinnert sie sich an die Nahtoderfahrungen des Epileptikers. „Lebe und lerne sterben“ ist zu ihrer Lebensdevise geworden.

„Der Tod ist ein Teil vom Leben. Jeder beschäftigt sich damit“, sagt Michael Ziegler (17), Gymnasiast in Bad Friedrichshall. Mit seinen Schulkameradinnen wartet er vor dem „Raum der Stille“. Auch hier wieder Gänsehaut-Gefühl im abgedunkelten Zimmer bei Kerzenschein, aufgebahrtem Sarg, dahinter ein Jesus-Bild.

„Das Licht ist der Schlüssel für die Tür“ - ins Jenseits: Das ist die Botschaft von Professor Dr. Markolf Niemz von der Uni Heidelberg. Hochinteressant die Thesen seines Buches „Lucy im Licht - dem Jenseits auf der Spur“. Für ihn gibt es ein Leben nach dem Tod, losgelöst von Raum und Zeit. „Die Seele wird auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, damit sie ins Jenseits übergehen kann.“ Mit diesem Blitzübergang kann eine Altenpflegeschülerin bei der Podiumsdiskussion wenig anfangen. Dennoch: „Es ist einfacher, von der Welt zu gehen, wenn man weiß, es gibt etwas danach.“ Während Pfarrerin Margarete Rittmann-Wunderlich die Diesseitigkeit und die „Auferstehung ins Leben“ propagiert, spricht der Muslime Fehrat Dag von der Prüfung auf Erden und der Belohnung im Jenseits.