Kirche unterm Hakenkreuz

Nachlass zeigt neue Aspekte zur Rolle der Pfarrer im Dritten Reich

Von Kilian Krauth

Der ehemalige Religionslehrer Martin Uwe Schmidt mit einem historischen Foto. Es zeigt die Kirchbrunnenstraße mit dem Kiliansturm.Fotos: Guido Sawatzki

Heilbronn - Auf dem Kiliansturm weht die Hakenkreuzfahne, Pfarrer marschieren im Gleichschritt, ein Vikar lädt zum „Hitler hören“: In der Bibliothek des evangelischen Dekanatsamtes stapeln sich Fotos, Dokumente, Fotokopien, Schautafeln, Zeugnisse einer unheilvollen Zeit.

Martin Uwe Schmidt beugt sich über den Tisch. Der ehemalige Religionslehrer ist dabei, Details für eine Ausstellung zu ordnen, die diesen Donnerstag im Rahmen der „Kirchlichen Tage“ eröffnet wird. Die Vorbereitung hat ihn zwei Jahre seines Lebens gekostet. Unter dem Titel „Kreuz und Hakenkreuz“ hat Schmidt, Jahrgang 1940, zusammen mit neun Mitstreitern die Rolle der Heilbronner Protestanten in den Jahren 1933 bis 1939 aufgearbeitet, also von der Machtergreifung der Nazis bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

„Total konservativ“ Martin Uwe Schmidt legt die Stirn in Falten. „Unsere Kirche war damals total nationalkonservativ und obrigkeitshörig, sie hat die nationale Revolution durch Hitler sogar begrüßt.“ Die meist älteren Pfarrer seien noch der verloren gegangenen Ordnung des Kaiserreichs nachgehangen. „Die aufklärerische Weimarer Republik war ihnen ebenso fremd wie das Judentum.“ Selbst als im November 1938 die Synagogen brannten, hätten die Pfarrer geschwiegen.

„Fast alle sind sie dem Führer nachgelaufen“, sagt Schmidt. Er deutet auf das Foto eines 1. Mai-Festzugs bei dem die evangelischen Pfarrer geschlossen mitmarschierten: „1936 und 1937 gar nimmer mit leichtem Herzen“, wie einer von ihnen später schrieb. Niemals mitmarschiert ist Pfarrer Paul Weitbrecht aus Neckargartach. Weil er als SPD-Mitglied aus der Reihe tanzte, musste er den Ort schon 1934 verlassen.

Lichtblicke Bei Schmidts Recherche gab es auch Lichtblicke. Neben öffentlich zugänglicher Literatur und Berichten von Zeitzeugen brachte der Nachlass der Gemeindemitarbeiterin Gretel Kiel neue Erkenntnisse. In drei unverhofft aufgetauchten Schachteln fand sich die Korrespondenz des Pfarrers der Südgemeinde, Friedrich Stein. Er war bis 1938 die Schlüsselfigur der Bekennenden Kirche (BK) in Heilbronn, also einer Gruppe, die sich zumindest in innerkirchlichen Fragen selbstbewusst zum Kreuz bekannte und gegen die Gleichschaltung mit der Reichskirche eintrat. So hatte Stein 1934 bei der Einweihung der Martin-Luther-Kirche in einer Kupferkapsel unter dem Altar das theologische Programm der BK deponiert, die Barmer Erklärung.

Die durch und durch nationalsozialistischen Deutschen Christen (DC) spielten in Heilbronn kaum eine Rolle, zu ihren Sympathisanten zählte allerdings ausgerechnet der damalige Dekan Karl Hoß, dem die Kollegen bald das Vertrauen verweigerten, weshalb er die Stadt verließ. Schuldekan Karl-Hans Kern hat den dahinter stehenden „Heilbronner Kirchenkampf“ erstmals 1983 beleuchtet. Anlass war die Amtsenthebung von Landesbischof Theophil Wurm, der 1927 bis 1929 Prälat von Heilbronn war. Eine Protestnote wurde von fast allen Heilbronner Pfarrern unterschreiben, nicht aber von Dekan Hoß. Weil Wurm die Landeskirche nicht mit der Reichskirche gleichschalten lassen wollte, kam er sogar in Schutzhaft. Als diese aufgehoben wurde, untersagten es die Nazis, die Nachricht im Gottesdienst zu verkünden. Stein ließ sie deshalb einfach auf dem Kirchplatz von Mittelsmännern unters Volk bringen. Rückgrat zeigten die Geistlichen auch, als Reichsbischof Ludwig Müller bei einem Besuch in Heilbronn ein Gespräch über den „Fall Wurm“ ablehnte. Aus Protest blieben sie einem Empfang in der Kilianskirche fern.

Rein theologisch Auch wenn es zu innerkirchlichen und theologischen Fragen solche mutigen Zeichen der Distanz gab und man dem Gleichschaltungsdruck widerstand – auf politischen Widerstand ist Schmidt bei seiner Recherche nicht gestoßen. Obwohl die Nadelstiche des braunen Oberbürgermeisters Heinrich Gültig immer tiefer reichten. Ältere Heilbronner berichten sogar, dass der rabiate Kreisleiter Richard Drauz Pfarrer Stein im März Schläge angedrohte, andere sagen, dass er sie tatsächlich bekam.

Einen versteckten Hinweis auf kritische Kirchengeister sieht Pfarrer Richard Mössinger auch in einem Fresko, das bei Ausbruch des Krieges im September 1939 in der Friedenskirche eingeweiht worden war. „Das Jüngste Gericht“ des „entarteten“ Künstlers Heinrich Altherr nimmt die Katastrophe vorweg.

Ein Bild mit Symbolcharakter. Auf dem Kiliansturm weht die Hakenkreuzfahne.

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