Jungunternehmerin mit 84 Jahren

Brigitta Kirchner entwirft, näht und verkauft Ponchos für Rollstuhlfahrer

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Jungunternehmerin mit 84 Jahren

"Ich will mit den Ponchos nichts verdienen, ich mache das für die Behinderten."

Brigitta Kirchner

Heilbronn - Eigentlich könnte Brigitta Kirchner in aller Ruhe mit ihrem Lebensgefährten ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Doch die quirlige Seniorin hat andere Pläne. Mit 84 Jahren will sie noch einmal als Unternehmerin durchstarten. Ihr Produkt: selbstgenähte Ponchos speziell für Rollstuhlfahrer. "Etwas Vergleichbares gibt es nicht auf dem Markt", sagt Brigitta Kirchner, die überzeugt davon ist, dass sie eine Marktlücke entdeckt hat. Ihre Ponchos hat sie sich deshalb beim Deutschen Patent- und Markenamt als Eingetragenes Gebrauchsmuster schützen lassen.

Praktisch Der Clou an den Umhängen: Sie lassen sich im Gegensatz zu den verbreiteten Schlupfsäcken an- und ausziehen, ohne dass der Behinderte aus dem Rollstuhl muss. Der Poncho wird über den Kopf angezogen, das Rückenteil ist so geschnitten, dass es auf der Sitzfläche endet. Vorne gehen die Umhänge bis zu den Füßen runter, für den Winter gibt es einen wärmenden Fußsack dazu. Ärmel (mit Handytasche) und Beine werden mit Klettverschlüssen geschlossen. Im Angebot hat die Jungunternehmerin gefütterte Winterponchos aus Wolle oder Fleece, Wind- und Regenponchos sowie Baumwoll-Umhänge für die wärmere Jahreszeit.

Als Brigitta Kirchner vor 20 Jahren ihren ersten Poncho nähte, dachte sie nicht daran, dass daraus mal ein Geschäft werden könnte. "Ich wollte meiner behinderten Tochter einen praktischen, zugleich aber schönen Poncho nähen", sagt sie. Die zahlreichen positiven Reaktionen anderer Behinderter haben sie ermutigt, dieses Hobby beizubehalten und zu perfektionieren.

So tragen heute neben Kirchners Tochter auch andere Heimbewohner im Böckinger Haus am Ziegeleipark die praktischen Umhänge. "Auch für die Betreuer sind die Ponchos eine Entlastung, weil sie den Behinderten nicht mehr herausheben müssen", sagt Kirchner, die aus lebenslanger Erfahrung weiß, wie anstrengend es ist, einen Rollstuhlfahrer an- und auszuziehen.

Im vergangenen Jahr hat die ehemalige Kinderärztin, die noch bis zum 72. Lebensjahr in ihrer Böckinger Praxis aktiv war, beschlossen, das Ponchogeschäft zu professionalisieren. In Senioren- und Behindertenheimen der Region stellte sie ihr Produkt vor − und erntete Lob von allen Seiten. Gemeinsam mit ihren Enkeln hat sie ein Prospekt entworfen, das sie bei der Zielgruppe verteilt, und auch im Internet ist Brigitta"s Rolljack, wie sie ihr kleines Unternehmen nennt, vertreten.

Die vielfältigen Möglichkeiten, die Computer und Internet bieten, hat sich Kirchner in zwei Volkshochschulkursen angeeignet − nun schreibt sie auf ihrem Laptop fleißig E-Mails an alle, die sich für ihr Produkt interessieren könnten. Das sind neben Heimen vor allem Sanitätshäuser. Einige Krankenkassen haben bereits einen Zuschuss von 125 Euro pro Poncho in Aussicht gestellt, wie er auch für Schlupfsäcke gewährt wird. Damit könnten die Preise trotz des Zwischenhandels durch Sanitätshäuser in einem vernünftigen Rahmen gehalten werden, hofft die Geschäftsfrau.

Kosten Derzeit kosten die maßgeschneiderten Umhänge je nach Modell und Ausführung zwischen 95 und 300 Euro. Günstiger kann Brigitta Kirchner die Ponchos nicht herstellen. Bis zu zwölf Stunden arbeitet sie an einem Exemplar, die Stoffe kauft sie vor allem in Heilbronn ein. "Ich will nichts verdienen, ich mache das für die Behinderten", versichert die Böckingerin.

Sollte die Nachfrage nach den Ponchos deutlich steigen, ist Brigitta Kirchner gerüstet. Sie hat zwei Näherinnen, die sie unterstützen, außerdem bestehen Kontakte zu Nähereien in Osteuropa. "Dort könnte ich auch in großem Stil produzieren lassen", sagt die umtriebige Seniorin.