Heilbronner Stadtteile wollen sich nicht länger benachteiligen lassen

Heilbronn - Böckingen reißt der Geduldsfaden. Der größte Heilbronner Stadtteil will nicht länger hinnehmen, von der Entwicklung in der Kernstadt abgehängt zu sein und bei Investitionen in die Infrastruktur leer auszugehen.

Von Helmut Buchholz

Stadtteile wollen sich nicht länger benachteiligen lassen
Für Böckinger ist der Sonnenbrunnen (unten) seit Jahren ein Ärgernis: wegen des Verkehrs und weil die Neugestaltung des Bereichs nicht voran kommt.Foto: Kuhnle

Heilbronn - Böckingen reißt der Geduldsfaden. Der größte Heilbronner Stadtteil will nicht länger hinnehmen, von der dynamischen Entwicklung in der Kernstadt abgehängt zu sein und bei Investitionen in die Infrastruktur leer auszugehen. Der Ärger machte sich in der Mitgliederversammlung des Böckinger Rings am Montagabend im Bürgerhaus Luft. "Es kann nicht sein, dass man in Prestigeobjekte in der Innenstadt investiert, irgendwie muss für uns in Böckingen auch etwas übrig bleiben", beklagte sich Georg Link, Vorsitzender des Dachverbandes der Vereine und Organisationen.

Mehr Einfluss

Die Böckinger wollen den Frust nicht weiter in sich hineinfressen, sondern etwas dagegen unternehmen. "Nur über die politische Schiene erreichen wir was", sagte Link nicht ohne etwas Verbitterung in der Stimme. Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Link kündigte an, gemeinsam mit den Vertretern des Ortskartells in Neckargartach und dem Sontheimer Offenen Kreis "einen Vorstoß zu wagen, ob es nicht besser wäre, einen Bezirksbeirat zu haben". Ziel ist es, gegenüber Gemeinderat und Stadtverwaltung mehr Einfluss und politisches Gewicht zu bekommen.

Denn während die jüngeren Heilbronner Stadtteile wie etwa Biberach oder Kirchhausen mit diesen gewählten Gremien gute Erfahrungen sammelten, fühlen sich viele Böckinger nicht genug vertreten. Vor allem angesichts der Größe des Ortes mit rund 21.300 Einwohnern. "Ohne Böckingen wäre Heilbronn keine Großstadt", sagte Link, "diese Wichtigkeit muss man mal sehen." Dies geschehe aber nicht. "Darum sollten wir einen Bezirksbeirat haben."

Unterstützung

Unterstützung für seine Forderung bekommt Böckingen in Neckargartach. "Es herrscht eine eklatante Ungleichbehandlung", kritisiert Ortskartellchef und SPD-Stadtrat Herbert Burkhardt. "Wir sind in den großen Stadtteilen desillusioniert, man lässt uns am langen Arm verhungern." Wenn sich die Bezirksbeiräte bewährt haben, "dann sollte es sie überall geben". Wolfram Rudolph, Vorsitzender des Sontheimer Offenen Kreis, sieht das ähnlich: "Es gibt eine strukturell unterschiedliche Behandlung. Biberach ist am politischen Willensprozess beteiligt, wir nicht so."

Auf die Barrikaden

Dass die Vertreter der Stadtteile jetzt so auf die Barrikaden gehen, hat zwei Gründe: Zum einen befürchtet beispielsweise Böckingen, dass durch die Einnahmeausfälle im Stadthaushalt wichtige Zukunftsprojekte auf die lange Bank geschoben werden, auf die der Stadtteil teilweise schon seit Jahrzehnten wartet. Zum Beispiel die neue Verkehrsführung am Sonnenbrunnen oder ein Supermarkt in Alt-Böckingen. Infrastruktur und Nahversorgung bluten nach und nach aus, während die Kernstadt mit einem professionellen Marketing zügig vorankommt. Noch allergischer reagieren die Stadtteilvertreter auf das Thema "Stadtteilmanager": Zwei Mitarbeiter aus dem Finanzdezernat versuchen seit einem Jahr, beispielsweise etwas gegen die Leerstände der Geschäfte zu tun. Im Böckinger Ring war von "Totgeburt", "Luftblase" und "gescheitertem Modell" die Rede.

Eingemeindung

Die Nazis haben vor dem Krieg Böckingen und Neckargartach in Heilbronn zwangseingemeindet. Eine politische Vertretung im Gemeinderat standen sie nicht zu. Biberach oder Kirchhausen kamen nach dem Krieg hinzu und erhielten als Zugeständnis einen Bezirksbeirat. Aus Böckingen stammen aktuell sechs Stadträte im Gemeinderat. An der Einwohnerzahl gemessen, müssten es einige mehr sein.