Gewalt gegen Kinder hat viele Formen

Abgemagert, verhungert, verprügelt: Zurzeit ist die Presse voller Horrormeldungen über vernachlässigte Kinder. Eine Häufung dieser tragischen Schicksale? Nein, sagt Dr. Karl Pölzelbauer, Oberarzt der Kinderklinik am Klinikum Gesundbrunnen. Auch in der Heilbronner Klinik werden immer wieder missbrauchte und vernachlässigte Kinder behandelt

Abgemagert, verhungert, verprügelt: Zurzeit ist die Presse voller Horrormeldungen über vernachlässigte Kinder. Eine Häufung dieser tragischen Schicksale? Nein, sagt Dr. Karl Pölzelbauer, Oberarzt der Kinderklinik am Klinikum Gesundbrunnen, im Gespräch mit Katja Feiler. Auch in der Heilbronner Klinik werden immer wieder missbrauchte und vernachlässigte Kinder behandelt.

Hat die Zahl der Kinder zugenommen, die von ihren Eltern allein gelassen, schlecht ernährt oder verprügelt werden?

Karl Pölzelbauer: Das ist schwer zu sagen, denn in Deutschland gibt es keine Meldepflicht für diese Fälle. Die einzigen exakten Daten haben die Universitätskliniken Freiburg und München ermittelt. Dort wurden 1994 drei Monate lang alle Kinder danach untersucht, ob sie vernachlässigt oder missbraucht worden sind. Das war bei drei Prozent der Fall. Wenn wir diese Zahl auf unsere Klinik übertragen, wären das im Jahr 150 betroffene Kinder.

Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Pölzelbauer: Für mich hat das eindeutig mit der Zunahme der Familienarmut zu tun. Aber es hängt auch bestimmt damit zusammen, dass es mehr Alleinerziehende gibt. Denn egal ob Mutter oder Vater, unter Alleinerziehenden ist die Chance einfach höher, dass der Elternteil überfordert ist oder das Kind nicht gewollt war und deshalb leiden muss.

Was verstehen Sie eigentlich unter Vernachlässigung?

Pölzelbauer: Das liegt dann vor, wenn ein Kind durch Defizite in der Betreuung Schaden an körperlicher, geistiger und seelischer Gesundheit erleidet.

Wie kommen die Kinder und Eltern zu Ihnen?

Pölzelbauer
Pölzelbauer: In 80 Prozent der Fälle wegen einer anderen Diagnose. Ein Beispiel: Der Vater bringt sein Kind, weil es Probleme mit dem Stuhlgang hat. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass das Kind noch nie bei einer Vorsorgeuntersuchung war, sehr schlecht sieht und für sein Alter zwei Jahre zurückgeblieben ist. Manchmal kommen die Eltern auch mit dem Kind und behaupten, es habe sich den Arm gebrochen, weil es von einem Stuhl gefallen ist. Auch da merken wir: Das kann nicht sein, das war Gewalt.

Und was passiert dann?

Pölzelbauer: Wenn wir erkennen, dass das Kind aus der Familie genommen werden sollte, informieren wird das Jugendamt. Wenn sich die Familie weigert, schalten wir das Familiengericht ein. Das muss dann entscheiden.

Vorsorgeuntersuchungen sollen jetzt verpflichtend werden. So soll Vernachlässigung eher erkannt werden. Eine Lösung?

Pölzelbauer: Eigentlich eine gute Idee, aber ich sehe nicht, wie das handhabbar sein sollte. Dafür brauchen die Jugendämter mehr Personal. Ich wäre eher für ein Bonussystem, das Anreize schafft, zum Arzt zu gehen. Ein Idealzustand wäre für mich auch, wenn es mehr aufsuchende Familienarbeit geben würde. Wenn zum Beispiel Hebammen nach dem Klinikaufenthalt die Familien noch weiter besuchen und so sehen können, in welches Nest das Kind kommt.

Und was ist mit der Idee, den Kinderschutz im Gesetz zu verankern?

Pölzelbauer: Das hätte wohl eher appellativen Charakter. Für die Praxis ist das aus meiner Sicht nicht notwendig. Für mich würde es mehr Sinn machen, Kinderschutzzentren einzurichten, wie es vor Jahren schon einmal in der Diskussion war. Dort sollten Jugendämter und Vertreter des Gesundheitswesens eng zusammenarbeiten.