„Finstere Saat ernst nehmen“

Gedenkfeier zum 63. Jahrestag der Zerstörung mit aktuellen Appellen

Von Kilian Krauth

350 Menschen fanden am Dienstag um 15 Uhr den Weg zum Ehrenfriedhof. Hauptredner der Gedenkfeier zum 4. Dezember 1944 war Monsignore Westenfeld.Foto: Sawatzki

Heilbronn - Es genüge nicht, an einem 4. Dezember, an das zu denken, was sich einst ereignet hat. „Mehr denn jemals zuvor gilt es die Zeichen der Zeit zu erkennen.“ In einem Plädoyer gegen „die finstere Saat“ der Fremdenfeindlichkeit gipfelte Monsignore Wolfgang Westenfelds Ansprache bei der Feier zum 63. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns. 350 Menschen gedachten dabei am Dienstagnachmittag über dem Massengrab des Ehrenfriedhofs der nahezu 7000 Toten des 4. Dezember 1944.

Viele der Besucher hatten den Bombenangriff selbst miterlebt. So ließ Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach zunächst Zeitzeugen „aus der tosenden Hölle“ sprechen. „Der Keller schwankte wie ein Schiff“, zitierte er Lotte Tschirner. Und Wilhelm Steinhilber sah „noch am Morgen um zwei Uhr brennende Leichname auf dem zerschmolzenen Asphalt der Turmstraße liegen“.

„Gerade heute, da die letzten Kriegslücken in der Innenstadt Stück für Stück aufgefüllt werden“, sei es wichtig, die Geschichte wach zu halten, aber auch aus ihr zu lernen, sagte Himmelsbach weiter. Und: „Friede ist keine Selbstverständlichkeit, sondern immer auch ein ständiges Arbeiten, das an der Basis beginnt“. Als „Keimzellen in Sachen Demokratie und Freiheit“ wachse Kommunen eine besondere Verpflichtung zu. Heilbronn versuche dem durch seine Partnerschaften mit sechs Städten in fünf Ländern gerecht zu werden. Hätten sie anfangs im Zeichen der Versöhnung gestanden, gelte es heute vor allem die Idee des vereinten Europa umzusetzen. Der OB schloss mit der Präambel der Unesco-Verfassung: „Da Kriege in den Köpfen der Menschen beginnen, ist es notwendig, in den Köpfen der Menschen Vorsorge für den Frieden zu schaffen.“

Deutlichere Worte fand Westenfeld: „Da gibt es in unserem Land wieder Unbelehrbare, welche die historischen Gegebenheiten verdrängen oder ignorieren und genau dort weitermachen, wo das Unheil vor über 70 Jahren begann.“ Manche Zuhörer erkannten darin eine Anspielung auf Neonazis, andere auf die Diskussion um Entschädigungen für Holocaust-Opfer. „Was damals zu nationalen und internationalen Feindschaften führte, wächst auch unter uns als finstere Saat und kann nicht ernst genug genommen werden“, betonte der Monsignore. Dagegen würden aus den jüdisch-christlichen Werten friedliche Lebensformen erwachsen, „die uns schützen vor den Grausamkeiten, die wir an diesem Tage beklagen“. Nicht zuletzt riet der Geistliche zum Glauben an einen oft verdrängten Gott. Er könne orientierungslosen und jungen Menschen Mut für die Zukunft machen.

Aktuelle Bezüge stellte auch Pastor Friedhelm Gutbrod her. So galten seine Fürbitten nicht nur allen Opfern von Gewalt. Sie endeten mit den Worten, „keine Grenzen aufzubauen zwischen Menschen mit verschiedenen Religionen und Hautfarben“.

Mit der gemeinsam gesungenen Strophe „O wohl dem Land, o wohl der Stadt“ aus dem Adventslied „Macht hoch die Tür“ klang die von Posaunenchören sowie den Chören von St. Augustinus und des Deutschordensmünsters umrahmte Feier aus.