Familie Mertz streitet mit der Stadt

Heilbronn - Die klassizistische Villa am Rosenberg scheint im Dornröschenschlaf zu liegen. Das vermooste Umfeld geht nahtlos in einen verwilderten Park über. Doch das Idyll trügt. Um das Areal hinter dem eisernen, teils mit Schilfmatten verkleideten Zaun, ist ein Streit im Gange. Der Bebauungsplan „Götzenturmpark“ kommt am Montag vors Oberlandesgericht.

Von Kilian Krauth

Mertz-Villa

Heilbronn - Die klassizistische Villa am Rosenberg scheint im Dornröschenschlaf zu liegen. Das vermooste Umfeld geht nahtlos in einen verwilderten Park über. Doch das Idyll trügt. Um das Areal hinter dem eisernen, teils mit Schilfmatten verkleideten Zaun, ist ein Streit im Gange. Die alt eingesessene Industriellenfamilie Mertz fühlt sich von der Stadt Heilbronn wegen des Bebauungsplanes teilweise enteignet. Sie fordert eine Entschädigung. Zur Not würde sie eine der beiden insgesamt 6000 Quadratmeter großen Parzellen auch verkaufen; ein Gutachter hat den Wert auf 904 950 Euro beziffert. Aber: „Verkaufen ist eigentlich gegen die Politik unserer Familie“, sagt Dr. Christian Mertz.

Der Name Mertz steht für eine der großen Heilbronner Unternehmerdynastien. In direkter Nachbarschaft betrieb man einst eine Fabrik, in der Essig und das Streichmittel Bleiweiß hergestellt wurden; Historiker sprechen von der ersten Manufaktur Württembergs. Das dazu gehörende Wohnhaus ließ man sich 1811 vom Stuttgarter Architekten Gottlieb von Etzel errichten. Wie fast das ganze alte Heilbronn wurde die Villa 1944 zerstört. Doch 1960 hat sie Julius Mertz nahezu originalgetreu wieder errichten lassen. Bis April 2008 wurde das Haus von seiner Witwe Huberta bewohnt.

Ein weiteres im Krieg zerstörtes Wohngebäude am anderen Ende des Anwesens wurde nach dem Krieg nicht wieder errichtet. Hier liegt der Stein des Anstoßes. 1982 kündigte die Stadt an, für das Areal der ehemaligen Essigfabrik einen neuen Bebauungsplan aufzustellen. Dabei bekundeten die Mertzens die Absicht, auf ihrem Grund drei abgestufte Neubauten mit zusammen 51 Wohneinheiten plus Tiefgarage erstellen zu wollen. Doch in dem schließlich 1987 in Kraft getretenen, seit 1999 rechtskräftigen und bis heute gültigen Bebauungsplan „Götzenturmpark“ schwebt der Stadt Heilbronn etwas ganz anderes vor: ein Kindergarten und eine öffentliche Grünfläche.

Grüne Lunge

Auch wenn man diese Vorhaben bisher nicht umgesetzt habe, „strebt die Verwaltung doch weiterhin die mit dem Bebauungsplan verbundenen Ziele an“, erklärt Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach. „Insbesondere soll die direkt in der dicht bebauten Innenstadt liegende Fläche mit dem alten Baumbestand als grüne Lunge erhalten bleiben.“

Familie Mertz ist davon gar nicht begeistert. Gegen den Bebauungsplan hat sie inzwischen alle verwaltungsrechtlichen Mittel ausgeschöpft. Doch ohne Erfolg. Inzwischen hat sie den zivilrechtlichen Weg eingeschlagen. Kommenden Montag wird die Sache vor dem Baulandsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart verhandelt.

Park am Götzenturm

Die Villa Mertz (1811) und das benachbarte Kutscherhaus (1770) sind die letzten Zeugen der Essigfabrik Rund (1727), der ersten Manufaktur Württembergs. Die zuletzt der Stadt gehörenden Fabrikgebäude wurden Ende der 1970er abgerissen. Im sanierten Kutscherhaus befinden sich heute Büros. Zwischenzeitlich platzte die Idee, das Gesamtareal als privaten Hochschulcampus zu nutzen. In die Villa Mertz wollte zuletzt ein Gourmetkoch einsteigen. Die Nutzung ist derzeit offen. Familie Mertz will das Ende des Rechtsstreits abwarten.