Essen, wenn andere schlafen

Region Heilbronn - Ramadan ist nichts für Langschläfer. Ab Freitag ist für Muslime die Nacht schon früh zu Ende. Bis 4.30 Uhr müssen die Gläubigen am ersten Fastentag gegessen und getrunken haben. Erst gut 16 Stunden später gibt es wieder Nahrung: Wasser und ein paar Datteln, der Auftakt zu einer ausgiebigen Abendmahlzeit, oft im Kreise von Nachbarn und Freunden.

Von Bärbel Kistner

Essen, wenn andere schlafen
Am Freitag beginnt der Ramadan und fürs abendliche Festmahl kaufen viele Muslime im moscheeeigenen Laden in der Goppeltstraße ein.Fotos: Andreas Veigel

Region Heilbronn - Ramadan ist nichts für Langschläfer. Ab Freitag ist für Muslime die Nacht schon früh zu Ende. Bis 4.30 Uhr müssen die Gläubigen am ersten Fastentag gegessen und getrunken haben. Erst gut 16 Stunden später gibt es wieder Nahrung: Wasser und ein paar Datteln, der Auftakt zu einer ausgiebigen Abendmahlzeit, oft im Kreise von Nachbarn und Freunden. 30 Tage lang fasten Muslime, und selbst wenn die Nächte wieder länger werden, dauert auch das letzte Fasten am 19. September noch mehr als 14 Stunden.

Religiöse Pflicht

„Wir freuen uns, wenn der Ramadan kommt und es tut uns leid, wenn er zu Ende ist“, sagt Ferhat Dag vom Moscheeverein in der Goppeltstraße. Jedes Jahr von Neuem sind Nicht-Muslime verwundert, dass die Anhänger des Islam sich die religiöse Pflicht antun und so viele Stunde freiwillig auf Essen und vor allem auf Trinken verzichten. „Es ist für uns eine spirituelle Phase, in der wir über das Leben nachdenken, ein Resümee der Vergangenheit ziehen und überlegen, wie es in Zukunft sein wird.“

Doch das Fasten setze nicht nur eine Zäsur im Alltag: „Man wird sehr sensibel und feinfühlig, Ramadan ist wie ein Weichspüler für die Sinne“, erklärt Ferhat Dag. Weil der Ramadan körperlich erlebt wird, sei er eine der stärksten Traditionen im Islam. 70 bis 75 Prozent der 11.000 in Heilbronn lebenden Türken halten sich seiner Einschätzung nach an das strenge Fastengebot. Immerhin noch 40 Prozent befolgen die Speisevorschriften im Koran - in der Ramadan-Zeit wird besonders darauf geachtet, nur zu verzehren, was erlaubt ist. Halal ist das Stichwort.

Wer bei Mücahid Yildirim im moscheeeigenen Laden einkauft, kann sicher sein, nur Halal-Produkte zu finden: ohne Spuren von Schweinefleisch, Blut und Alkohol. Fleisch darf nur von rituell geschlachteten Tieren stammen. Wie so oft steckt vor allem bei industriell gefertigten Nahrungsmitteln die Tücke im Detail. Ist Gelatine enthalten, muss für gläubige Muslime sichergestellt sein, dass diese nicht aus Schweineschwarten gewonnen wurde - seit BSE das in Deutschland gängige Geliermittel für Gummibären, Käse oder Joghurt.

Coca-Cola tabu

Im Moscheegeschäft gibt es ganze Regale voller Süßigkeiten, überwiegend aus türkischer Produktion, garantiert schweinefleischfrei. Auch viele E-Nummern, dahinter verstecken sich Emulgatoren und Stabilisatoren, sind für Muslime tabu, denn die Zusatzstoffe können Schweinefett enthalten. Coca-Cola steht ebenso auf dem Index: „Weil die Inhaltsstoffe nicht offen gelegt sind.“ Die Alternative sei Pepsi oder Cola Turca des Unternehmers Ülker.

Bedenken

Längst hat sich auch die deutsche Wurstindustrie auf ihre muslimische Kundschaft eingestellt. Einige der 19 Sorten im Kühlregal sind in Deutschland gefertigt. Auch Knorr und Maggi haben inzwischen Halal-Produkte im Angebot, ebenso die Discounter. „Doch da hat mancher Türke noch Bedenken“, sagt Ferhat Dag.

Essen, wenn andere schlafen
Wer nicht fasten kann, muss jeden Tag eine Spende von neun Euro leisten.

Dass sich bei den türkischstämmigen Migranten der dritten Generation die Essgewohnheiten ändern, Speisevorschriften nicht mehr ganz so eng gesehen werden, daraus machen die Gläubigen keinen Hehl. Integration findet auch in der Küche statt, die Rezepte sind schwäbisch, das Fleisch bei vielen halal. Bei den Dags stehen öfter Spätzle und paniertes Schnitzel vom Truthahn auf dem Speiseplan. Für Mücahid Yildirim ist es normal, dass die Kulturen sich auch auf dem Teller mischen: „Es kommt etwas Neues, etwas Schönes dabei heraus.“