Eisenbahner-Geschichten im Tunnel

Roland Rösch erzählt seinem mit Taschenlampen bewaffneten Publikum Anekdoten rund ums Gleis

Von Milva-Katharina Klöppel

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Eisenbahner-Geschichten im Tunnel
Wildnis vor der Finsternis: Wo noch vor sieben Jahren Züge fuhren, muss man sich heute den Weg durch Gestrüpp bahnen.

Lesersommer - Heilbronn Wild wuchernde Dornensträucher, kaputte Fernseher und verrostete Getränkedosen. Die Gleise der ehemaligen Verbindungsbahn hin zum Lerchenbergtunnel sind erst auf den zweiten Blick erkennbar. Einer aber kennt den Weg gut: Roland Rösch. „Der Vollblut-Eisenbahner hat den Tunnelblick“, schmunzelt Stefanie Hüning aus Heilbronn. Eben dieser war bei der Lesersommer-Veranstaltung am Freitag auch gefragt.

Bestens gerüstet mit Taschenlampen, festem Schuhwerk und strapazierfähiger Kleidung folgen rund dreißig Leserinnen und Leser der Heilbronner Stimme dem Autor auf ein literarisches Erlebnis der besonderen Art: Mitten im stillgelegten Eisenbahntunnel liest Rösch Geschichten rund um die ehemalige Bahnstrecke vom Hauptbahnhof zum Südbahnhof vor.

Stockfinster Taschenlampen an, heißt es am Eingang zum 400 Meter langen Tunnel. „Ich hab keine Angst“, sagt der sechsjährige Holger Schmalz aus Horkheim und stapft munter von Schwelle zu Schwelle immer tiefer in das Dunkel des Tunnels hinein.

Eisenbahner-Geschichten im Tunnel
Am Eingang zum stillgelegten Eisenbahntunnel lauschen Jung und Alt Roland Röschs Berichten aus einer längst vergangenen Zeit. Fotos: Guido Sawatzki
Nach und nach werden die Graffiti an den Wänden weniger und der Sonnenschein lässt sich nur noch in weiter Ferne erahnen. „Die Wiener Staatsoper hat nicht so eine Akustik“, sagt Roland Rösch in der Mitte des Tunnels und stimmt sogleich ein kleines Lied an. Doch weniger der Klang des über hundert Jahre alten Gewölbes hat seine Zuhörer hergetrieben. „So lange ich denken kann, fasziniert mich alles rund um die Schiene“, gesteht Joachim Burk aus Beilstein. Wie früher die Streckenläufer wandert er mit seinem Vater Herbert die Trasse ab und betrachtet jeden Winkel des Tunnels genau. Da werden über hundert Jahre alte Schienen der Firma Union bewundert, noch mit der Hand behauenes Mauerwerk bestaunt und Expertenmeinungen ausgetauscht.

Unerschöpflich Roland Röschs Wissen scheint unerschöpflich, und mit kleinen Anekdoten aus der Vergangenheit bringt der Ur-Heilbronner seine Zuhörer nicht nur einmal zum Lachen. Dabei scheint ihn auch das leicht Verbotene immer wieder am Besuch des Tunnels zu reizen. „Wir befinden uns hier auf Bahngelände und dürften hier vermutlich gar nicht stehen“, lacht der Pensionär, „es könnte ja ein Zug kommen.“

Erstaunte Blicke in der Runde, als Rösch berichtet, dass die Strecke erst vor fast auf den Tag genau sieben Jahren stillgelegt wurde. In kürzester Zeit hat die Natur das brachliegende Gelände in Besitz genommen, und schon bald wird der Weg zum Tunnel vielleicht auch mit dem Tunnelblick nicht mehr zu erkennen sein.