Einige Erstmieter der Stadtgalerie sind gescheitert

Heilbronn - Die Geschichte eines ausgeträumten Traums. Die Cocktailbar "Tutti Frutti" ist nur eine der vielen Geschäfte, die im ECE-Center insolvent gegangen sind. Es ist eine Geschichte, die voller Euphorie beginnt und im Scheitern endet.

Von unserer Redakteurin Franziska Feinäugle

Geschichte eines ausgeträumten Traums
Riesenandrang am zweiten Märzwochenende 2008: So voll wie in den ersten drei Monaten nach Eröffnung der Stadtgalerie ist es nicht immer.Foto: Archiv/Veigel
Heilbronn - Die Geschichte von Maurizio Romani ist nicht nur Maurizio Romanis Geschichte. Es ist eine Geschichte, wie sie auch andere erlebt haben, die im März 2008 als Shop-Inhaber der ersten Stunde in der neuen Heilbronner Stadtgalerie ein Geschäft eröffneten. Eine Geschichte, die voller Euphorie beginnt und im Scheitern endet.

Eine Geschichte, wie man sie nicht gerne erzählt. Und über deren Ende man gegebenenfalls verpflichtet ist zu schweigen, sofern man eine entsprechende Aufhebungsvereinbarung unterschrieben hat.

Maurizio Romani hat keine solche Schweigeklausel unterzeichnet. Am Schicksal des 42-Jährigen, der 2011 mit seiner Cocktailbar "Tutti Frutti" im Erdgeschoss der Stadtgalerie insolvent gegangen ist, kann man ablesen, was sich in den bald vier Jahren Stadtgalerie immer wieder ereignet hat − teils von der Kundschaft unbemerkt.

Geschichte eines ausgeträumten Traums
"So steil ging es abwärts": Heute arbeitet er als Außendienstler.Foto: Feinäugle
Als das ECE-Center 2006 noch die größte Baustelle Heilbronns ist, hat Maurizio Romani sein Konzept "schon lang im Kopf". Der Betriebswirt, der zu dieser Zeit in Erlenbach einen Laden mit Post- und Lotto-Annahmestelle betreibt, träumt von einer eigenen Saftbar. Von einer wie der, die es bis vor zehn Jahren in der Heilbronner Postpassage gab.

Dort hatte Romani als Student gejobbt. "Ich wusste: Das funktioniert", sagt der 42-Jährige. "Und ich wusste, dass ich dafür eine enorm hohe Frequenz brauche." Das heißt: verlässlich viel Laufkundschaft.

Das neue Einkaufszentrum, das zu dieser Zeit mitten in der Heilbronner Fußgängerzone Gestalt anzunehmen beginnt, scheint ihm perfekt, um seinen Traum zu verwirklichen. Allerdings kann Romani das, was ein Unternehmer in einem solchen Fall normalerweise tut, nicht machen: die Passanten zählen lassen, um eine verlässliche Größe zu haben, mit der man planen − oder aber seine Pläne fallen lassen kann.

Hochrechnungen

Grundlage für seine Entscheidung sind: ein Prospekt, der in Fotomontagen zeigt, wie das Center aussehen soll; Grundrisse der drei Etagen, auf denen − Stand November 2006 − die Mieter der 75 Shops eingetragen sind; Hochrechnungen der Betreibergesellschaft ECE, die von 20 000 Besuchern pro Tag ausgehen.

Geschichte eines ausgeträumten Traums
Ein Bild aus besseren Zeiten: Maurizio Romani in seiner Saftbar.Foto: privat
Vor allem diese Zahl ist es, die Maurizio Romani aus seiner Sicht zum Verhängnis geworden ist. "Ich wusste, dass mein Shop nur als Nachtisch gut ist, und Nachtisch isst bloß jeder Fünfte", sagt er. "20 000 − das hätte gepasst." Anhand einer solchen Zahl kann man errechnen, wie viele Gäste voraussichtlich an einem Geschäft wie der Saftbar Halt machen. "150 am Tag hätten ausgereicht", sagt Maurizio Romani.

Aber die 20 000 Besucher, die man − daran zweifelt er gar nicht − in der Stadtgalerie tatsächlich auch werktags zählen kann, stimmen vor Romanis Geschäft neben der Rolltreppe nur samstags. "Unter der Woche waren es in unserem Bereich nur 5000 täglich." Er hat es zählen lassen.

Am Anfang läuft alles prima, er erlebt ein Vierteljahr der Euphorie. Dass nach diesen ersten Wochen die Umsätze zurückgehen würden, ist ihm klar. "Aber dass es so runtergeht", sagt er heute und hält seine Hand steil nach unten, "damit konnte ich nicht rechnen." Er muss sich etwas einfallen lassen: Die 2500 Euro Miete für seine 20 Quadratmeter wollen bezahlt sein, außerdem die Rate für seinen 150 000-Euro-Kredit.

Sein Wunsch, auch Hot Dogs verkaufen zu dürfen, wird genehmigt; Centermanagerin Anne Klausmann unterstützt ihn auch, indem er zeitweise zusätzliche Stände aufstellen darf, kostenlos. Finanziell, sagt Romani, habe das nur Löcher gestopft, aber psychologisch "war es gut zu spüren: Die stehen hinter mir." Als er sich Ende 2009 gezwungen sieht, um Nachlass bei der Miete zu bitten, sagt man ihm sinngemäß: Es gebe genug Interessenten, die seine Fläche gern übernehmen.

Schulden

Er verkauft seine Lebensversicherung und sein Auto, um das Geschäft zu halten. Im Dezember 2010 stellt er die Mietzahlungen ein, weil er pleite ist. "Tutti Frutti" wird geduldet, bis im Mai 2011 Nachfolger "Yo Dreams" einzieht, dann ist sein Traum endgültig ausgeträumt.

Heute arbeitet Maurizio Romani als freier Handelsvertreter für Kindergartenzubehör und stottert seine Schulden ab. In die Stadtgalerie geht er noch ab und zu, ein bisschen mit alten Kollegen reden. "Ein rotes Tuch ist sie für mich nicht."

 

Hintergrund: Etliche Wechsel im Center

Die Ersten, die in der im März 2008 eröffneten Stadtgalerie wieder zumachten, waren im Oktober 2008 die Inhaber der City-Apotheke im Basement: Dort ist inzwischen Depot ansässig. Das Center verlassen haben außerdem aus unterschiedlichen Gründen Vitalia, Bäckerei Mack, Mariloé, Badeshop, Evita, Hüppe Store, Tally Weijl, Thomy’s, Tutti Frutti, Pizza Sí und Coffee Fellows. Manche Betreiberwechsel spielen sich ab, ohne dass die Kundschaft etwas davon mitbekommt: dann nämlich, wenn der Name einer Ladenkette bleibt, während hinter den Kulissen der Inhaber wechselt. Das war bisher bei Ditsch, Segafredo, Tabacon, Gabor, Kirbas, Gelati und Kamps der Fall. ff