Ein Bild, das sich ins Gedächtnis einbrannte

Heilbronn - Das scherenschnitthafte Schwarz-Weiß-Foto, das Günter Grass auf der Heilbronner Waldheide zeigte, war des Fotografie-Altmeisters Hermann Eisenmenger mehr als würdig.

Von Iris Baars-Werner

Ein Bild, das sich ins Gedächtnis einbrannte
Unvergessliches Bild am 14. 12. 1985 in der Stimme.Foto: Archiv/Eisenmenger

Heilbronn - Das scherenschnitthafte Schwarz-Weiß-Foto, das Günter Grass auf der Heilbronner Waldheide zeigte, war des Fotografie-Altmeisters Hermann Eisenmenger mehr als würdig. Der Literat auf der Leiter, die Pfeife in der Hand, die Mütze auf dem Kopf, sein Blick auf das abgeschottete militärische Sperrgebiet mit den Wachtürmen gerichtet: Dieses Bild brannte sich nicht nur wegen seiner handwerklichen und künstlerischen Qualität ins kollektive Gedächtnis ein.

Wachsende Wut

Im Jahr 1985 waren mehr und mehr Heilbronner und Unterländer Bürger zu den Kreisen des politischen Widerstandes gestoßen, der die atomare Bedrohung der Zivilbevölkerung nicht wortlos hinnahm. Darunter auch solche Menschen, die sich in den Jahren zuvor bereitwillig in Unwissenheit darüber wiegen ließen, wie nahe ihnen die Gefahr gekommen war. Die Ursache für den Sinneswandel in der Bevölkerung war im Januar jenes Jahres der alarmierende Unfall gewesen, bei dem drei US-Soldaten auf der Waldheide starben. Sie hatten mit einer Pershing-II-Rakete hantiert. Dass sie keinen atomaren Sprengkopf trug, war niemandem eine Beruhigung.

Nach jenem 11. Januar 1985 hatten sich die Ereignisse im zuvor autoritätshörigen Heilbronn überschlagen. Unvergessen im Februar 1985 der Zug der Zehntausend auf die Waldheide. Als politischer Höhepunkt war vor 25 Jahren die Tatsache zu vermerken, dass der Gemeinderat der Stadt einmütig eine atomwaffenfreie Waldheide forderte.

Als Mitte Dezember 1985 sich die Crème de la Crème der deutschen Kulturszene zur zweiten "Heilbronner Begegnung" traf, begegnete sie einer anderen Stadt als jener, die zwei Jahre zuvor Schauplatz des ersten Treffens der Akademie der Künste gewesen war. 1983 noch hatte sich das Verschweigen und Vertuschen der offiziellen Seite auf den Umgang der Bürger mit dem Thema so ausgewirkt, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Deutschlandpolitik

Die "Heilbronner Begegnung" brachte 1985 neben Günter Grass Peter Härtling nach Heilbronn und ins Unterland, die Schauspielerin Hannelore Hoger, den Zukunftsforscher Robert Jungk, den Friedensforscher Alfred Mechtersheimer. Der Berliner Pastor Heinrich Albertz predigte in der Kilianskirche. Im Ringen um eine Erklärung gab es diesen Gedanken: Der Schlüssel für die Friedenspolitik in Mitteleuropa liege bei den beiden deutschen Staaten, also in der Deutschlandpolitik. Wie visionär: Im April 1990 verließ die letzte Pershing-Rakete Heilbronn.