Die zweite Zerstörung

Bis in die 90er Jahre hinein kümmerte sich die Stadt kaum um ihre wenigen Baudenkmäler

Von Kilian Krauth

„Die Friedenskirche ist eine unedle Ruine und ist es nicht wert, erhalten zu werden.“

Zeitgeist der Aufbaujahre

Heilbronn - Als Bub hat Claus Kohout 1974 mitverfolgt, wie der historische Südgiebel des Deutschhofs eingerissen wurde. Drei Tage habe das über 500 Jahre alte, zuletzt mit Stahl gesicherte Mauerwerk den Zugseilen standgehalten. Der damals Achtjährige konnte es nicht fassen. Heute ist Kohout Architekt. Sein Herz schlägt mehr denn je fürs alte Heilbronn. Die bevorstehende Rettung des Laubenganghauses und der Brunnen unterm Kiliansplatz: Zwei aktuelle Beispiele nimmt er zum Anlass, verlorene Baudenkmäler ins Bewusstsein zu rufen und vor neuen Bausünden zu warnen.

Das alte Heilbronn wurde nicht nur am 4. Dezember 1944 zerstört. „Die zweite Zerstörung der Stadt“, so Kohout, zog sich bis in die 90er Jahre. Alte Luftaufnahmen zeigen es: Nach dem Krieg standen wie in anderen deutschen Städten viele Ruinen, auf die man hätte bauen können, nicht nur Rathaus, Kilianskirche, Käthchenhaus. Der schnelle Wiederaufbau mag mit der existentiellen Not der Nachkriegsjahre erklärt werden. Doch es ging auch anders, wie Würzburg, Nürnberg oder Münster zeigen. Kohout betont, die jüngere Vergangenheit nicht verdammen und gleichzeitig die Historie verklären zu wollen. Ihm ist bewusst: Eine Stadt lebt vom Wandel. Sie sollte aber auch ihre Identität bewahren, betont der Architekt.

Vorbild Zehender Als einer der wenigen Bürger hat Gerhard Zehender am Markt sein zertrümmertes Kaufhaus im Barockstil restauriert. Zunächst sollte auch das benachbarte Rauch’sche Palais (heute Presutti) nach Zeichnungen des Stadtplaners Volkart erhalten bleiben. Es wurde aber 1947 geschleift. Erst 1950 fiel die Gründerzeit-Front des Hauses Schwarz am Marktplatz. Hier steht heute der Rathaus-Anbau. Etliche Ruinen wurden abgebrochen, weil die Straßen der Altstadt verbreitert wurden. Dies war aber nicht überall der Fall. Vom Imlinschen Patrizierhaus stand noch der Großteil, er verschwand, obwohl die Kirchbrunnenstraße nicht verbreitert wurde.

Kontroversen löste 1952 die Sprengung einer „unedlen Ruine“ aus, der Friedenskirche. Das Gotteshaus hätte wie die Gedächtniskirche in Berlin als Mahnmal gegen den Krieg stehen bleiben können. 1951 und 1954 riss man die Harmonie-Ruinen ab, 1956 den Hauptbahnhof. Die beiden klassizistischen Gebäude wurden durch Neubauten ersetzt, deren Qualität für Kohout unbestritten ist. „Nicht alles aus der Nachkriegszeit war schlecht. Vor allem in den 50ern nicht.“

Bis 1956 markierte ein burgartiges Gebäude mit zwei 30 Meter hohem Türmen das Tor zur Oststadt: die Moltkekaserne. Im Schatten des Finanzamtes zeugt heute noch der Pferdestall von ihr.

Bad am Wollhaus Als Krone der Allee galt Fischers Jugendstiltheater, das nach dem Krieg als Amerikahaus und Stadtbibliothek diente, 1970 aber der Stadtautobahn und dem 08/15-Neubau geopfert wurde. Am Südende der Allee stand das Stadtbad, in dem man ab 1950 wieder seine Runden drehen konnte, das aber 1972 dem Wollhauszentrum Platz machen musste. In dem Betonblock sehen viele Heilbronner den Inbegriff für die vielen Bausünden nach dem Krieg.

1988 sollte der Abbruch des Fabrikkomplexes Kaiser & Otto am Südbahnhof folgen. Stehen blieb allein das Verwaltungsgebäude. Die Lokale Agenda verstand es, Ende der 90er die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Nach dem Konkurs des Vorbesitzers, der etliche Baudenkmäler vergammeln ließ, wurde ein Investor gefunden, der das markante Kontor mit Türmchen zum Wohnhaus umbaute. Weniger Erfolg hatten die Bürger, die um den Erhalt der Klinik an der Jägerhausstraße kämpften. Das Ergebnis ist bekannt. Das Neubaugebiet Robert-Mayer-Höhe markiert einen Tiefpunkt der Heilbronner Baukultur.