Die Pestalozzi wird 100

Heilbronn - Morgen ist großes Fest im Botanischen Obstgarten. Die Pestalozzischule feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit Festlied, Festreden und Szenen ohne Worte über "Die Schule von damals".

Von Gertrud Schubert

Die Pestalozzi wird 100
Ein Bild aus den 1960er Jahren. Stolz zeigen die Mädchen ihre Handarbeiten: selbst genähte Schürzen, "angezogene" Kleiderbügel, ein Körbchen aus Peddigrohr.

Heilbronn - Morgen ist großes Fest im Botanischen Obstgarten. Die Pestalozzischule feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit Festlied, Festreden und Szenen ohne Worte über "Die Schule von damals". Der Ort für den großen Schulgeburtstag ist bewusst gewählt, steht quasi für das Programm der "Pestalozzi": Raus ins Leben ist das Schulmotto, das die Förderschüler für Alltag und Beruf fit machen will. Im Obstgarten betreiben die Schüler mit ihren Lehrern ein bei Publikum und Betreibern beliebtes Pestalozzi-Café.

Wilhelm Hofmann
 
100 Jahre Schule ohne Festschrift, das darf nicht sein. Gerhard Eberle hat die Geschichte der Heilbronner Hilfsschule akribisch erforscht, in Archiven und alten Zeitschriften geblättert. Am Ende präsentiert er jetzt zum runden Jubiläum eine ungemein spannende, doch vor allem erschütternde Geschichte über Wilhelm Hofmann, der mit Unterbrechungen von 1936 bis 1957 die Pestalozzischule leitete und prägte.

Wilhelm Hofmann war ein fanatisches Mitglied der NSDAP, war unter anderem Ortsgruppenschulungsleiter und hatte in politischen Reden und Aufsätzen für die "Nichtmehraufnahme geistig behinderter Kinder" in die Hilfsschule plädiert. Hofmann machte sich für eine "Leistungs- und Gesittungsschule" stark.

Durch Auslese in die Hilfsschule sollten nach Hofmann Schulleistungsschwache "noch für die Volksgemeinschaft brauchbar und wirtschaftlich ansatzfähig gemacht werden". Dafür kämen aber nur Kinder in Betracht, "die vollsinnig, gemeinschafts- und bildungsfähig und in der Regel körperlich gesund sind". Menschen mit seelischer, geistiger oder körperlicher Behinderung, "Schwachsinnige, Blinde, Taube und Schwerhörige hohen Grades, Epileptiker" gehörten seiner Ansicht nach in eine Anstalt.

Noch in den Nachkriegsjahren kursierte in Baden-Württemberg der Begriff "bildungsunfähige" Kinder, erst 1964 wurde er durch "bildungsschwach" ersetzt. Bis dahin waren sie vom Schulbesuch ausgeschlossen. Hofmann selbst schloss sich in den 1950er Jahren den Forderungen der Lebenshilfe an, die Bildungsfähigkeit geistig behinderter Kinder anzuerkennen. Er ist Namensgeber der seit 1966 selbstständigen Wilhelm-Hofmann-Förderschule in Böckingen.

Schule heute
 
Wie anders ist die "Pestalozzi" heute. Weniger der Hauptschulabschluss, als vielmehr eine alltags- und lebenspraktische Ausbildung ist für die über 100 Schüler das Wichtigste. Wo man nur mitanpacken kann − im Seniorengarten und auf Streuobstwiesen zum Beispiel − sind sie anzutreffen. "Training on the job" ist ihr Cafébetrieb und das Kochen für die Mitschüler. Haushaltsarbeiten werden in der Schule ganz praktisch geübt: Wäsche waschen etwa. Ehrensache, dass die Schüler morgen gerne am Festprogramm mitwirken.

Die Pestalozzi wird 100
Der langgestreckte Bau im Hintergrund ist die Pestalozzischule. An der Gartenstraße wurde 1951 das Schulgebäude bezogen.Fotos: Archiv/Hermann Eisenmenger