"Die Geschichte des Bombenangriffs ist gegenwärtig"

Heilbronn - Welche Bedeutung hat der 4. Dezember 1944 heute noch für die Stadt Heilbronn? Darüber sprach Helmut Buchholz mit einem Kenner des einschneidenden Ereignisses in der Stadtgeschichte, Hubert Bläsi (81).

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"Die Geschichte des Bombenangriffs ist gegenwärtig"

Hubert Bläsi

Foto: Guido Sawatzki

Heilbronn  - Welche Bedeutung hat der 4. Dezember 1944 heute noch für die Stadt Heilbronn? Wie soll man 66 Jahre nach dem verheerenden Bombenangriff noch angemessen an ihn erinnern? Darüber sprach Helmut Buchholz mit einem Kenner des einschneidenden Ereignisses in der Stadtgeschichte, Hubert Bläsi (81).

Herr Bläsi, Sie waren am 4. Dezember 1944 Flakhelfer in Raststatt, haben das Heilbronner Feuerinferno noch aus 80 Kilometer Entfernung sehen können. Doch Zeitzeugen wie Sie sterben aus. Verblasst damit auch die Erinnerung?

Hubert Bläsi: Ja, es stimmt. Zeitzeugen werden immer weniger. Die Besucherzahl an den Gedenkveranstaltungen nimmt ab. Ich mache auch Schulbesuche, halte Vorträge über den Bombenangriff. Für Jüngere, die vor 66 Jahren nicht dabei waren, sind andere geschichtliche Ereignisse einschneidender. Zum Beispiel der Terrorangriff am 11. September oder die Wiedervereinigung.

Ist das nun gut oder schlecht?

Bläsi: Weder noch. Dass das Erlebte vergessen wird, passiert auch in der Familie. Menschen sterben und werden irgendwann vergessen.

Ein guter Hinweis: Wie gehen wir mit unserer Geschichte und unseren Vorfahren um. Abschieben und vergessen oder ihre Weisheit respektieren und mit ihr klüger werden?

Bläsi: Es ist nicht so, dass die Menschen in Heilbronn sich nicht mehr für den Bombenagriff interessieren würden. Auch nicht die Jüngeren. Bei meinen Vorträgen in den Schulen erlebe ich, dass die Schüler von den Ereignissen berührt werden.

Wie soll man heute mit dem zeitlichen Abstand zu dem Bombenangriff an ihn erinnern?

Bläsi: Ich bin 1957 als Lehrer nach Heilbronn gekommen und habe damals erlebt, dass die Leute schweigend vor den verdunkelten Schaufenstern in der Stadt verharrten, als zum Gedenken am 4. Dezember die Glocken läuteten. Eine ergreifende Szene war das. Es ärgert mich heute, wenn man so tut, als ob nichts gewesen wäre. Aber ein verordnetes Gedenken wäre nicht zeitgemäß.

Was ist also angemessen?

Bläsi: Eine schwierige Frage. Ich weiß es nicht.

Welche Bedeutung hat der Bombenangriff heute noch für die Stadt?

Bläsi: Das Ereignis liegt nun 66 Jahre zurück. Wenn ich diesen Zeitraum von meinem Geburtsdatum zurückrechne, dann komme ich in die Zeit des 1870er-Krieges. Meine Eltern haben mir in der Kindheit nichts von diesem Krieg erzählt. Ich denke aber, dass Menschen, die Angehörige bei dem Bombenangriff verloren haben, anders zu diesen Fragen stehen. Für sie ist die Geschichte präsenter.

Noch heute sind die Wunden, die der Angriff schlug, in der Stadt sichtbar. Sie haben Augen dafür.

Bläsi: Ja, ich sehe die Wunden, wenn ich durch die Stadt gehe. Die Baulücken... Für mich ist die Geschichte gegenwärtig.

Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie sehen, wie die Stadt heute aussieht?

Bläsi: Bei der Art, wie Heilbronn wiederaufgebaut wurde, wurden Pflöcke eingeschlagen, die man heute schlecht wieder entfernen kann. Aber das war eben der Baustil der damaligen Zeit.

Mit dem Bombenangriff starben ja nicht nur Tausende. Es ging auch ein Bewusstsein unter, der Bürgerstolz.

Bläsi: Ja, das stimmt schon. Das ist aber keine spezifische Heilbronn-Sache. Was damals verloren ging, muss jetzt mühsam wieder aufgebaut werden. Zum Beispiel mit der Bürgerstiftung.

Ist Heilbronn auf einem guten Weg?

Bläsi: Heilbronn hat immer noch einen sehr vertrauten Charakter im Vergleich zu anderen Großstädten wie zum Beispiel Mannheim. Man fühlt sich immer noch zu Hause, weil die Stadt so überschaubar ist.

Wer alte Bilder sieht, ist schockiert, was zum Teil aus der einstmals schönen Stadt geworden ist.

Bläsi: Wer die Zeiten damals nicht miterlebt hat, kann nicht verstehen, um was es nach dem Krieg ging. Man musste schnell Wohnraum schaffen, damit die Menschen wieder ein Dach über dem Kopf hatten.

Entspricht denn das Geschichtsbild, das wir vom Angriff haben, der Realität des Angriffs?

Bläsi: Es gibt noch einige Erzählungen, die nicht der Wahrheit entsprechen. Es fielen zum Beispiel keine Phosphorbomben. Das dachte man, weil die Feuerbrunst der Stabbrandbomben so stark war. Es wurden auch keine Flugblätter abgeworfen, wie vereinzelt erzählt wird. Ich kann aber nicht ausschließen, dass ausländische Arbeiter in der Stadt über den britischen Rundfunk in ihrer Sprache vor dem Angriff gewarnt worden sind. Die Zahl der Toten liegt bei über 7000. Die meisten sind in den Schutzkellern durch das Kohlenmonoxid vergiftet worden, das sich durch die extreme Feuerbrunst entwickelt hat und über die Lüftungsrohre in die Keller drang.

Warum wurde Heilbronn angegriffen, als der Krieg fast vorbei war?

Bläsi: Das Schicksal Heilbronns war, dass es relativ unzerstört war und es auf der anderen Seite Flugzeugmannschaften gab, die beschäftigt werden mussten. Die Führung der Royal Air Force wollte der eigenen Regierung gegenüber den Nachweis bringen, dass die Luftwaffe die kriegsentscheidende Waffengattung war.
 


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