Der schwebende Castor

In dieser Woche üben die Fachleute im Kernkraftwerk die so genannte „Kalthandhabung“ mit leeren Atommüllbehältern im neuen Standort-Zwischenlager. Ab Ende November beginnt die heiße Phase

Von Joachim Kinzinger

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Der schwebende Castor
Vom Interimsplatz werden die Atommüllbehälter ins Lager befördert.

Der blaue Castor hängt an zwei gelben Kranlaschen, schwebt rund 15 Zentimeter über dem Boden. „Wir können absetzen“, sagt Michael Grausam von der GKN-Maschinentechnik zum Kranfahrer. Langsam senkt sich der 109 Tonnen schwere und fast sechs Meter hohe Koloss, steht mitten im aufgemalten weißen Kreis des zweiten Tunnels auf Position 120.

Der schwebende Castor
Der 109 Kilogramm schwere Castorbehälter hängt an den Transportlaschen des Krans im Atommüll-Zwischenlager des Kernkraftwerks.

Fotos: Dittmar Dirks

In dieser Woche üben die Fachleute im Kernkraftwerk Neckarwestheim (GKN) die so genannte „Kalthandhabung“ mit leeren Atommüllbehältern im neuen Standort-Zwischenlager. Ab Ende November beginnt die heiße Phase. Dann stellt die Crew die bereits 18 beladenen Castoren vom Interimsplatz in die beiden Tunnel. Pro Jahr fallen weitere fünf Castoren vom Typ V/19 an, gefüllt mit jeweils 19 ausgedienten Brennelementen aus beiden Atomblöcken.

„Alle erdenklichen Varianten werden geprobt“, berichtet Wolfgang Arnold, Leiter des Zwischenlagers. Jeden Betriebsablauf soll das GKN-Team beim Spezialtraining unter den Augen von Gutachtern abdecken.

Der schwebende Castor
Der Castor hat sein Ziel erreicht und steht mitten im weißen Kreis.
Schritte Für das Castorhandling ist Thomas Taschke bei GKN zuständig. Er erklärt die Schritte: Den Castor mit einem Schwerlasttransporter in die Tunnel-Eingangshalle fahren, mit dem Kran ins Wendegestell legen, aufrichten, in die Behältervorbereitung manövrieren. Von dort werden alle markierten Abstellpositionen in beiden Stollen angefahren. „Nur noch stehend“, bekräftigt der 40-jährige Arnold.

An diesem Morgen heißt es im Übungshandbuch: Einlagerung in Tunnel zwei aus der Vorbereitungsstation. Auf den Arbeitsbühnen schauen Mitarbeiter noch nach eventuellen Beschädigungen und Macken der Außenhaut. Dann klappen die Stege hoch. Werner Grausam zeigt mit dem Finger nach oben, dirigiert Ufuk Karabas, der den Kran mit einer Hebekraft von 150 Tonnen mit dem Hand-Steuergerät bedient.

Der schwebende Castor
Stehend wird der Castor auf dem Transportwagen zum Tunnel zwei gefahren.
Ohne zu pendeln hängt der Behälter, der später mit Atommüll gefüllt 126 Tonnen wiegen wird, an den beiden Transportlaschen der Castortragzapfen - wie vorgeschrieben maximal 25 Zentimeter über dem Betonboden. Nur im gelb-markierten Bereich sind beim Umladen drei Meter Bodenabstand zulässig. „Hier drunter ist Dämpferbeton“, erklärt Maschinenbauingenieur Arnold. Das Material soll bei einem Rangierunfall den Castor-Aufprall abdämpfen.

Transportwagen Auf Schienen steht der gelbe Transportwagen bereit, der in der Eingangshalle beide Tunnel verbindet. Zeichensprache ersetzt beim Rangieren Worte: etwas nach links, nach rechts, vorsichtig die Tragzapfen in die u-förmigen Fixierungen auf dem Wagen gleiten lassen. Alles okay. Der Castor setzt auf. Karabas klinkt mit der Fernbedienung die Kranverriegelung aus.

Im Schneckentempo von fünf Metern pro Minute rollt der elektrogetriebene Wagen mit der Leerfracht zur zweiten Röhre. Dort positioniert Karabas die Kran-Traverse, beide Laschen fahren zusammen, umschließen die Tragzapfen. „Noch ein Stück“, ruft Grausam dem Kranpilot zu.

Der schwebende Castor
Fachleute messen beim Transport auch den Bodenabstand des Behälters.
Wohin soll der Behälter? Gutachter Lutz Ecke von der Firma Pöyry, der alle Schritte im Ablaufplan kontrolliert und überwacht, sucht sich spontan den weißen Kreis mit der Nummer 120 aus. „Es läuft super“, ist Ecke mit der „Kalthandhabung“ zufrieden. Mit der automatischen Kransteuerung, ähnlich wie beim Navigationssystem im Auto, fährt der Kran mit elf Metern pro Minute vorwärts in den Tunnel. „Katze links“, zeigt später das Display bis zum weißen Kreis an. Absetzen auf Punkt 120 wie gewünscht.

Überwachung Dann schließt Grausam noch das rote Kabel ans Castor-Überwachungssystem an der Tunnelwand an. Im Kontrollraum blinkt der „Fehler“ auf dem Wandmonitor auf. Das Drucksystem zwischen den beiden Deckeln funktioniert nicht. Das kann auch nicht sein. Schließlich ist der Castor noch nicht mit hochradioaktivem Abfall gefüllt. „Es ist gut abgelaufen, aber es gibt immer noch Optimierungsbedarf“, zieht Lagerchef Arnold als Fazit.