„Das ist voll der Burner“

Region Heilbronn - Chicken, Burner, lolig, chillen. Wer jetzt nichts verstanden hat oder zum Englischwörterbuch greift... Stopp! Hier geht es darum, wie und was die Jugend spricht. Und da können auch Erwachsene noch etwas dazu lernen. „Chicken“ nennt die 17-jährige Melissa Müller gutaussehende Jungs. Mit „Burner“ bezeichnet sie Dinge und Situationen, die echt toll sind. „Lolig“ ist alles, was lustig ist. Wer „chillt“, will eigentlich nur entspannen. Jugendsprache gab es schon immer und spaltet dennoch die Gemüter.

Von Melanie Kräuter

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Mancher versteht nur Bahnhof, wenn junge Leute ihren Mund aufmachen.Karikatur: Artur Schäfer

Region Heilbronn - Chicken, Burner, lolig, chillen. Wer jetzt nichts verstanden hat oder zum Englischwörterbuch greift... Stopp! Hier geht es darum, wie und was die Jugend spricht. Und da können auch Erwachsene noch etwas dazu lernen. „Chicken“ nennt die 17-jährige Melissa Müller gutaussehende Jungs. Mit „Burner“ bezeichnet sie Dinge und Situationen, die echt toll sind. „Lolig“ ist alles, was lustig ist. Wer „chillt“, will eigentlich nur entspannen. Und „Geh'n wir dönern“ fragt Melissa, wenn sie mit ihren Freunden Döner essen gehen will.

Wörterbücher

Jährlich erscheinen neue Wörterbücher, in denen Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Ausdrücke sammeln. Ein paar Beispiele gefällig? Biotonne heißen Vegetarier, Erzeugerfraktion sind die Eltern, Verdummungslaterne steht für Fernseher und Tussitoaster für Solarium. Kreativität ohne Grenzen. Doch eine kleine Umfrage in der Heilbronner Innenstadt ergibt: Die meisten Jugendlichen finden die Lexikon-Begriffe zwar witzig. Nur: Die wenigsten verwenden sie. „Ich bemühe mich zu Hause normal zu reden“, erzählt Alexandra Knödler (15). Ihre Altersgenossin Elena Alperina glaubt, dass die Erwachsenen die Ausdrücke der Jugendlichen verstehen. „Sie denken sich, was wir meinen.“

Die Germanistik-Professorin und Soziolinguistin Eva Neuland von der Universität Wuppertal erklärt, warum Jugendliche eigene Begriffe prägen: „Mit der Sprache wollen sich Jugendliche von Erwachsenen abgrenzen.“ Wichtig sei dabei vor allem der Gruppeneffekt. „Es bereitet jungen Leuten große Freude, mit Sprache zu spielen.“ Aber es gibt nicht die Jugendsprache an sich, sondern Sprachstile. Diese entstehen durch spontane Einfälle, die Abwandlung bestimmter Redensarten oder Werbesprüche und das Aufgreifen von Ausdrücken anderer Sprachen. So verwenden Jugendliche etwa „rippen“ vom Englischen „to rip“ für klauen. „Dissen“ kommt von „to diss“ und bedeutet so viel wie „ärgern“ oder „veräppeln“.

Erweiterte Bedeutung

Jugendsprache hat es schon immer gegeben, weiß Neuland. Man müsse sie im jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Kontext betrachten. Viele Begriffe wandeln sich mit der Zeit und bekommen eine erweiterte Bedeutung. Ein Klassiker ist „geil“: Bis in die 80er Jahre hatte das Wort noch seine ursprüngliche Bedeutung, bis heute wird es von Jugendlichen für „super“ verwendet. Auch das Wort „ficken“, das auf Erwachsene oft provozierend wirkt, hat unter der Jugend nicht mehr nur eine sexuelle Bedeutung. Oft sagen Teenager untereinander den Satz „Ich bin gefickt“ und meinen damit „Ich hab' ein Problem“.

Erwachsene in der Heilbronner Innenstadt sind der Jugendsprachem gegenüber gelassen bis aufgeregt. Die Stanja Eicher (53) findet Jugendsprache gut. „Da bleibt man irgendwie jünger.“ Eine ältere Frau ärgert sich dagegen über die Ausdrücke, die sie beim Busfahren mitbekommt. „Wenn man junge Söhne hat, kennt man das schon“, erzählt ein 51-Jähriger dagegen entspannt. „Das hatten wir doch früher auch.“ Den häufig prognostizierten Sprachverfall hält Eva Neuland für „maßlos übertrieben“: „Fernsehen und Internet tragen zur Verbreitung der Wörter bei.“ Sie gibt Entwarnung: „Der Sprachgebrauch der Jugendlichen führt die deutsche Sprache nicht ins Verderben.“ Moment mal: „Alles knorke!“