Das dicke Ende kommt noch

Heilbronn - Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. So hat es der Bundestag beschlossen. Auch mit den Stimmen der Grünen - obwohl die lieber schneller ausgestiegen wären. "Aber wir haben den Ausstieg seit Jahrzehnten gefordert. Da sind wir jetzt schon in Feierlaune", sagt Ulrich Schneider, Vorstand der Grünen im Kreis Heilbronn, zur Einleitung eines Gesprächsabends am Dienstag mit dem Titel "Atomausstieg - und nun?"

Von Andreas Tschürtz

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Heilbronn - Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. So hat es der Bundestag beschlossen. Auch mit den Stimmen der Grünen − obwohl die lieber schneller ausgestiegen wären. "Aber wir haben den Ausstieg seit Jahrzehnten gefordert. Da sind wir jetzt schon in Feierlaune", sagt Ulrich Schneider, Vorstand der Grünen im Kreis Heilbronn, zur Einleitung eines Gesprächsabends am Dienstag mit dem Titel "Atomausstieg − und nun?"

Zwischenschritt

Mehr als einen ersten wichtigen Schritt wollen die beiden Gäste im Alten Theater Sontheim darin allerdings nicht sehen. "Es ist mit dem Beschluss auf dem Papier nicht getan", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl vor den rund 40 Zuhörern. Endlagersuche, Reaktorsicherheit, Netzausbau − die Karlsruherin macht viele offene Baustellen bei der Umsetzung des Ausstiegsbeschlusses aus. Und in den elf Jahren bis zur Abschaltung des letzten Reaktors könnten auch wieder Diskussionen über Laufzeitverlängerungen aufflammen. "Der Atomausstieg ist noch lange nicht in trockenen Tüchern."

Franz Untersteller, grüner Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft der neuen Landesregierung, sieht in dem Ausstiegstermin 2022 dagegen keine Sollbruchstelle. Wichtiger als das Datum sei der gefundene Weg. "Durch die sofortige Stilllegung von acht AKW und den stufenweisen Ausstieg ab 2015 haben wir eine völlig andere Situation, als wenn zum Schluss alle auf einmal abgeschaltet würden." Unter den Zuhörern herrscht eine geteilte Meinung. "Ich finde es unverantwortlich, die Kraftwerke weiterlaufen zu lassen", sagt der Leingartener Christof Sanwald. Ein anderer meint: "Das ist halt Realpolitik."

Einigkeit herrscht in der Überzeugung, dass die Grünen weiter gebraucht werden − auch wenn nach Fukushima alle politischen Lager den Kurs der Atomkraftgegner-Partei eingeschlagen haben. "Der Kampf um Sicherheit ist nicht zu Ende", sagt Kotting-Uhl, und Untersteller kündigt an, die Nachrüstung aller AKW ohne Rücksicht auf die Kosten durchzusetzen.

Beim Ausbau der erneuerbaren Energien will der Minister, dass die Menschen vor Ort zum Zug kommen − Stadtwerke und Bürgerinitiativen. Das Interesse sei da. Beispiel Windkraft: "Es liegen schon 56 Anträge für Anlagen vor, obwohl es noch gar keine Gesetzesnovelle gibt." Dass die Bürger offen für die Erneuerbaren sind, steht auch für viele Zuhörer außer Frage. "Bleibt der wirtschaftliche Erfolg vor Ort, kapiert jeder den Sinn", meint etwa Boris Cotar aus Mosbach.

Endlager

Ein dickes Brett werde die Endlagerfrage. "Wir müssen eine ergebnisoffene Suche unter Einbeziehung der Bevölkerung anstoßen", erklärt Kotting-Uhl. Die Fehler der Vergangenheit dürften sich nicht wiederholen. Beteiligungsverfahren müssten am Anfang stehen, nicht am Ende. Ebenso argumentiert Untersteller. "Aber es muss klar sein: Wenn man sucht, kann man auch finden − auch in Baden-Württemberg." Hoffnung, dass der Atommüll überhaupt für eine Million Jahre sicher gelagert werden kann, verbreitet Kotting-Uhl nicht. "Das ist das dicke Ende der Atomkraft, mit dem wir leben müssen."