Das Geheimnis des Reichtums von Städten steckt in Häusern (13.01.2010)

Berliner Soziologe wohnte ab Ende der 50er Jahre an der Badstraße 64 und reflektiert über Baukultur

Heilbronn - Der in Berlin lebende Soziologe Dr. Reinhard Blomert, unter anderem Verfasser des Buchs "Die Habgierigen", hat ab 1958 in der Badstraße 64 gewohnt. Er erinnert sich gut daran.

Repräsentativ

"Als wir 1958 einzogen, standen an der Badstraße noch mehrere repräsentative Wohnhäuser derselben Kategorie. Zum Ensemble gehörte die Wäscherei Angele mit 30 bis 50 Arbeitern, darunter Wäscherinnen, Heizer und Fahrer. Die Belegschaft kam damals in die Zeitung, als sie im Lotto gewonnen hatte. Hinter der Wäscherei erstreckte sich bis zur Olgastraße eine Gärtnerei. Stadteinwärts war eine Ruine, die ehemalige Zigarrenfabrik Reiner, deren Sandsteinfundamente den Bombeneinschlag überstanden hatten. Stehen geblieben war das Wohnhaus. Weiter in Richtung Rosenbergbrücke säumten die soliden Gebäulichkeiten der Rudergesellschaft die Straße. Stadtauswärts gab es das E-Werk und weiter in Richtung Böckingen ein weiteres Wohnhaus, zu dem ebenfalls ein Familienbetrieb gehörte." (...)

Beim Haus Nr. 64 "handelt es sich um eine besondere Gattung eines direkt mit einem mittelständischen Unternehmen verbundenen Wohngebäudes aus der Gründerzeit. Das Gesicht Heilbronns wurde hauptsächlich von Bauten dieser Periode geprägt, die Bauweise mit Ziegel- und Sandsteinfassaden waren und sind der Ausdruck einer zu bürgerlichem Selbstverständnis gewachsenen Solidität einer alten Reichsstadt, die Industrie, Handel und Gewerbe mit einem gediegenen Wohnkomfort zu verbinden wusste.

Wahre Größe

Städte ändern sich, aber sie bleiben sich auch gleich. Der Geheimnis ihres Reichtums besteht in ihrer Geschichte und in ihrem architektonischen Gedächtnis, es ist wie ein Familienerbe, das von Generation zu Generation sich in ihrem Selbstbild eingräbt, immer wieder neu seine Reproduktionsfähigkeit zeigt, auf seine Geschichte aufbaut: Es ist diese Haltung, die auch der Emporkömmling sich aneignet und mit der er innere Souveränität beweist, nämlich die Größe, anzuerkennen, dass niemand aus sich selber heraus groß wird, sondern dass wir alle auf den Schultern unserer Vorgänger und Ahnen ausruhen. In dieser Größe besteht das Charakteristikum der europäisch-abendländischen Stadt." kra