Bürger belagern Villa Mertz

Heilbronn - Das Gebäude am Rosenberg war beim Tag des offenen Denkmals Hauptattraktion. Über 500 Neugierige stürmten den Garten und die Räumlichkeiten der Villa Mertz. Das Motto "Romantik, Realismus, Revolution", kurzum das 19. Jahrhundert, bildete den roten Faden für den Tag des offenen Denkmals.

Von Kilian Krauth


Bürger belagern Villa Mertz
Hausbesitzer Christian Mertz (rechts) suchte das Gespräch mit Besuchern.
Heilbronn - Die Szenerie glich einer Mixtur aus Volksauflauf und Andacht: Weit über 500 Neugierige stürmten gestern Nachmittag Garten und Räumlichkeiten der Villa Mertz am Rosenberg. Das Motto "Romantik, Realismus, Revolution", kurzum das 19. Jahrhundert, bildete den roten Faden für den Tag des offenen Denkmals. In Heilbronn führte die landesweite Aktion vom Lapidarium im Alten Milchhof übers Köpfertal zur Villa Mertz.

Vom großen Zulauf überwältigt war Denkmalpfleger Joachim Hennze. "Bei 250 habe ich aufgehört zu zählen", gab er im überfüllten Vorgarten zu verstehen. Hausbesitzer Christian Mertz blieb gelassen. "Ja, so habe ich mir das vorgestellt." Beide blickten in Vorträgen und im persönlichen Gespräch zurück in die Historie und gewährten Einblicke hinter die Kulissen.

Neuer Mieter

Die 1811 gebaute Villa diente einst den Besitzern der Essigfabrik Rund − der ältesten Manufaktur Nordwürttembergs − als Wohnsitz. Seit Jahren schien das klassizistische Haus und der parkähnliche Garten im Dornröschenschlaf zu liegen. Doch Sanierungsarbeiten künden seit wenigen Tagen davon, dass sich das bald ändert. Ein in Jagsthausen angesiedelter Berater für Neue Medien will das Gemäuer im Dezember beziehen: die Agentur Lingner Consulting New Media.

Bürger belagern Villa Mertz
Zwischen Neckarufer und Rosenberg liegt die Villa Mertz seit Jahren im Dornröschenschlaf. Gestern Nachmittag zog Leben ein.Foto: Guido Sawatzki
Die Räume gleichen inzwischen einem ausgeräumten Geisterschloss. Stuckdecken, Treppenaufgang, in Marmor verkleidete offene Kamine und andere Details lassen die reiche Vergangenheit erahnen. Die Villa wurde vom Stuttgarter Architekten Gottlieb von Etzel gebaut. Nach der Zerstörung durch eine Sprengbombe 1944 richteten sich Huberta und Julius Mertz zunächst im Keller eine bis heute intakte Wohnung ein, um das Haus 1960 fast originalgetreu neu aufzubauen.

Köpfertal

Szenenwechsel: Während die Villa Mertz im 19. Jahrhundert eines der ersten Wohnhäuser jenseits der Stadtmauern war, wurde das Köpfertal im Stadtwald als Ausflugsziel entdeckt. Auf Initiative des Verschönerungsvereins, also des Vorläufers des heutigen Verkehrsvereins, hob man den Köpferbrunnen baulich hervor. Die Anlage umfasst bis heute neben der neugotischen Quellstube einen mehreckigen Pavillon und eine Parkanlage. Die zuletzt mit Hilfe der Bürgerstiftung aufwendig renovierte Anlage zieht nicht nur gutbürgerliche Ausflügler an, sondern mitunter auch Party-Gänger, zum Leidwesen von Tieren und Naturschützern.

Lapidarium

Seine etwas missverständlich "Lapidarium" genannte Schatzkammer an der Frankfurter Straße öffnete das Stadtarchiv. Als besondere Stücke hob Mitarbeiter Walter Hirschmann etwa den Grabstein der Gebrüder Wolf hervor, aber auch einen Wappenstein der Firma Ackermann, Frauengestalten aus der Villa Brüggemann und nicht zuletzt einen Stadtadler vom gesprengten Stadttheater. Hirschmann: "Mit diesem Gebäude ging auch die große Ära des Sandsteins in Heilbronn zu Ende." Aktueller Neuzugang im Milchhof: eine Horten-Kachel von der Galeria Kaufhof; die Wabenfassade prägte zwar nicht seit dem 19. Jahrhundert, aber immerhin ab 1969 die Fleiner Straße.




Hintergrund: Für Kultur sensibilisieren

Der Tag des offenen Denkmals findet jedes Jahr am zweiten Sonntag im September statt; meist in historischen Bauten und Stätten, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind. Experten erklären an konkreten Beispielen über Aufgaben und Tätigkeiten der Denkmalpflege. Ziel des Tags ist es, die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes und für den Denkmalschutz zu sensibilisieren. kra