Bagger schaffen Platz für Campus

Heilbronn - Unweit des Bollwerksturmes werden an der Mannheimer Straße die letzten Backsteingebäude der ehemaligen Papierfabrik Schaeuffelen abgebrochen. Bis November 2011 will die Dieter-Schwarz-Stiftung auf dem knapp 1,9 Hektar großen Gelände einen Hochschulcampus mit vier Neubauten erstellen.

An der Mannheimer Straße werden die letzten Bauzeugen der Schaeuffelen'schen Papierfabrik abgerissen. Bekannt wurden die Backsteingebäude auch durch den Nutzer Möbel Fritzsch. Ende 2011 soll hier ein Hochschulcampus stehen. Foto: Dittmar Dirks


Heilbronn - - Unweit des Bollwerksturmes werden an der Mannheimer Straße die letzten Backsteingebäude der ehemaligen Papierfabrik Schaeuffelen abgebrochen. Bis November 2011 will die Dieter-Schwarz-Stiftung auf dem knapp 1,9 Hektar großen Gelände einen Hochschulcampus mit vier Neubauten erstellen.

Ein Mitte der 1990er Jahre von der Hofkammer des Hauses Württemberg errichtetes Gebäude mit Rundbau wird in das Gesamtkonzept integriert. Die Pläne stammen vom Stuttgarter Büro Glück und Partner. Sie sind aus einem beschränkten Architekturwettbewerb hervor gegangen.

Die Bürgerbewegung Agenda 21 hatte sich vergeblich für den Erhalt oder die Integration von Bauteilen stark gemacht. Die historischen Gebäude standen nicht unter Denkmalschutz.

Unternehmer befürworten neuen Campus

Nur knapp haben sich die Leser gegen eine Förderung der Hochschule Heilbronn durch Raumschaft und IHK ausgesprochen. Offen ist, wie sich die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken heute zu der Frage stellt, jährlich 100.000 Euro zur Anmietung eines Innenstadtcampus zuzuschießen.

„Nachwuchskräfte in technischen Bereichen werden in Heilbronn und in der Region dringend benötigt“, fällt die Empfehlung von Bankvorstand und IHK-Vizepräsident Hans Hambücher eindeutig aus: „Die Hochschule ist der Ausbilder für höchstqualifizierte Leute.“

Der frühere Arbeitgeberpräsident Ekkehard Schneider, Vorstandsvorsitzender der Südwestdeutschen Salzwerke, sieht das so: „Wenn junge Leute zum Studium hierher kommen, dann bleiben einige von ihnen für immer hier. Nur durch den Rohstoff Wissen unterscheiden wir uns von anderen Regionen.“

Die Mitfinanzierung durch die Wirtschaft hielte auch Heilbronner-Stimme-Geschäftsführer Tilmann Distelbarth für richtig. Der Hochschul-Aufsichtsrat sieht es als Möglichkeit, „langfristig die Raumknappheit der Hochschule zu mildern.“

Das Ja seiner CDU-Fraktion zur finanziellen Beteiligung der Stadt Heilbronn ist für Alexander Throm sicher, „schließlich hat unsere Fraktion den Antrag gestellt, dass der Campus mitfinanziert wird“.


Denkmalschützer nimmt Stellung

Heilbronn hat viele historischen Gebäude verloren. Daran ist nicht nur der Krieg schuld. Bis in die 80er Jahre wurde „viel gesündigt“, bedauert Denkmalschützer Dr. Joachim Hennze. Im Gespräch mit Kilian Krauth weist er Vorwürfe zurück, seine Behörde drücke oft ein Auge zu.

„Sensibler für Verlorenes geworden“
Wie hier vor dem Wüba-Gebäude an der Heilbronner Karlstraße schärft Joachim Hennze auch bei Führungen den Blick für Bauqualität.Foto: Archiv/Schmerbeck
In Heilbronn werden immer noch historische Gebäude abgerissen. Warum schreiten Sie denn da nicht ein?

Joachim Hennze: Historische sind nicht gleich denkmalgeschützte Gebäude. Geschützt wird, was in der Denkmalliste steht, die vom Landesamt für Denkmalpflege erstellt und regelmäßig überprüft wird, zuletzt 2007. Derzeit enthält sie für Heilbronn 400 Gebäude.

Warum ist beispielsweise der letzte Zeuge der historischen Allee, also das Haus Nummer 18 neben der Volksbank nicht schützenswert?

Hennze: Das Haus wurde nach dem Krieg im alten Sinne, aber nicht originalgetreu aufgebaut und später mehrmals verändert. Wir sehen als Denkmalpfleger praktisch nur die schöne Kulisse, aber das reicht nicht. Das Haus ist städtebaulich zweifellos interessant, aber dieses Kriterium sieht das baden-württembergische Denkmalgesetz nicht vor, es nennt nur wissenschaftliche, künstlerische oder heimatgeschichtliche Gründe. Deshalb kann die untere Denkmalbehörde den Besitzer nicht zum Erhalt zwingen.

Was heißt das konkret?

Hennze: Künstlerisch meint die Qualität der Gestaltung und schließt den Baumeister mit ein. Heimatgeschichtlich bezieht sich auf die Nutzung, also etwa auf berühmte Bewohner. Wissenschaftlich meint, wenn sich aus dem Bau bestimmte kunsthistorische Erkenntnisse für eine Ära ableiten lassen. So steht etwa das so genannte Laubenganghaus für den sozialen Wohnungsbau der 20er und 30er Jahre.

Auch hierfür lag zwischenzeitlich schon eine Abbruchgenehmigung vor.

Hennze: Ja, die reichte in die 80er Jahre zurück, war einer Erweiterung der Firma Telefunken geschuldet. Diese Pläne wurden begraben und das Laubenganghaus kam dann 1991 in die Denkmalliste. So machte das Regierungspräsidium keinen Gebrauch von der Abbruchgenehmigung. Nach dem Protest der Agenda 21 hat die Stadt Gott sei Dank einen Investor gefunden.

Man hat den Eindruck, Heilbronn hat aus den Fehlern der Vergangenheit nicht viel gelernt.

Hennze: In der Tat wurde bis Mitte der 80er Jahren viel Substanz kaputt gemacht. Dieser Abbruch-Zeitgeist herrschte aber überall. 1975 gab es erstmals ein europäisches Jahr des Denkmals, ein Denkmalschutzgesetz auf Landesebene gilt von 1972 an, die endgültige Liste für Heilbronn war erst 1992 fertig. Bis dahin wurde viel gesündigt, danach weniger. Im Gegenteil. Viele Heilbronner sind sensibel geworden für ihre verloren gegangene Geschichte, das zeigen einige private und öffentliche Sanierungsprojekte.

Was sagen Sie zur Schaeuffelen'schen Fabrik, die einem Campus weicht?

Hennze: Auch hier haben wir nur noch ein kriegsbeschädigtes und innen verändert aufgebautes Haus, dessen Aufrissstruktur und Außenwände noch zu sehen waren, das sind aber zu wenig Kriterien für ein eingetragenes Baudenkmal.

Was halten Sie von der Idee, ein Fachwerkhaus zu rekonstruieren?

Hennze: Nichts. Frankfurt, Hildesheim oder Lüneburg haben bis in die 80er ganze Häuserzeilen mittelalterlich aufgebaut. Das mag gut für den Tourismus sein, ist aber ein falsches Signal für die Stadtentwicklung.

Sehen Sie ein neueres Heilbronner Gebäude, das in die Denkmalliste aufgenommen werden könnte?

Hennze: Nein. Gebäude, die jünger als eine Generation sind, werden in der Regel nicht aufgenommen. Heilbronns jüngstes Denkmal ist 50 Jahre alt: die Michaelskirche in Neckargartach, wegen der damals kühnen Betonkonstruktion und ihres Baumeisters Hans-Georg Reuter. Den Denkmalwert aktueller Gebäude kann erst die kommende Generation entscheiden.

Ist eigentlich von der Liste schon mal etwas gestrichen worden?

Hennze: Ja, zum Beispiel der Kaiser's Turm. Da gab es richtig Streit.

Aber gerade dieses Gebäude hat doch durch den Glaskubus gewonnen.

Hennze: Städtebaulich gewiss, aber von der Substanz her war es als Denkmal nicht schützenswert.

Sie machen also voll auf Blockade?

Hennze: Blockade war vor Jahrzehnten. Die untere Denkmalbehörde sucht immer Kompromisse. Man muss bedenken, dass auch alte Häuser modernen technischen Ansprüchen und Vorschriften genügen müssen. Mit den Handwerkern sind wir da oft lange am Tüfteln und finden in der Regel auch Lösungen.

... die dann aber gewiss teurer sind.

Hennze: Das ist ein Vorurteil. Außerdem sollte man bedenken: Jeder mit der Denkmalwürdigkeit verknüpfte und von der Denkmalbehörde bestätigte Euro ist von der Einkommenssteuer absetzbar.


Zur Person: Joachim Hennze

Dr. Joachim Hennze (52) ist Denkmalschutzbeauftragter der Stadt Heilbronn. Zuvor betreute er in den städtischen Museen die Industriegeschichte, richtete das Museum Schrauben und Gewinde der Firma Würth in Künzelsau ein und inventarisierte die volkskundlichen Bestände des Hohenloher Freilandmuseums. Er hat in Freiburg Kunstgeschichte, Geschichte sowie Volkskunde studiert und über ein Thema aus der fränkischen Architekturgeschichte promoviert.