Analyse: Klug oder kaltschnäuzig? Eine Krankenhaus-Chefin auf dem hohen Seil (30.11.)

Der gewagte Vorschlag von Susanne Schlichtner, die Standortzahl der Stadt-Landkreis-Kliniken zu reduzieren, hat Geschichte

Von Iris Baars-Werner

Region Heilbronn Vielleicht müsste man einen verwegenen Plan fassen, um den gordischen Knoten zu zerschlagen, der die regionale Klinik-GmbH fesselt. Man müsste ein neues Krankenhaus auf die Grenze stellen zwischen der Stadt Heilbronn und der Kreiskommune Neckarsulm. Vielleicht müsste man dazu ein Gewerbegebiet einer kleinen Gebietsreform unterwerfen. Auf jeden Fall müsste dabei herauskommen: Das neue SLK-Gesamtklinikum gehört auch flächenmäßig zur einen Hälfte der Stadt, zur anderen dem Landkreis Heilbronn, und die bisherigen Spitäler am Gesundbrunnen und am Plattenwald ziehen dorthin um.

Das grenzüberschreitende Klinikum wäre das Bau gewordene Symbol einer harmonischen Gesundheitszukunft: mit abgestimmten medizinischen Angebotsstrukturen, kurzen Wegen, reibungsfreien Abläufen. Bis das über 100 Millionen Euro teure und zu 90 Prozent mit Landesmitteln geförderte Werk fertig wäre, führe die Stadtbahn direkt vors Tor.

Die Idee ist tatsächlich zu kühn, als dass sie von Kommunalpolitikern zu Ende gedacht oder gar laut ausgesprochen werden könnte. Neu ist der Gedanke nicht. Er spukte schon in vielen Köpfen herum. Den Plattenwald zumachen hieß er einst, erdacht nicht etwa von SLK-Geschäftsführerin Susanne Schlichtner. Nicht von Heilbronner Stadträten, die den Gesundbrunnen für das „neue“ Krankenhaus halten, auch wenn er in seinem Kern älter ist als der 30 Jahre alte Plattenwald - nagelneu ist auf dem Heilbronner Klinikhügel nur die Kinderklinik. Nein, dem Gedanken näherten sich im Jahr 2003 Landkreispolitiker.

Unpopulär Man verschob das offene Wort zunächst: 2004 stand die Kreistagswahl an. Danach war die Idee vom Tisch: Einmal, weil der damalige Landrat Klaus Czernuska nicht wusste, was mit dem Gebäudekomplex auf freier Friedrichshaller Flur anfangen. Zweitens stand die Landratswahl an - die Entscheidung über eine so gravierende, höchst unpopuläre Sache wollte man dem neuen, Detlef Piepenburg, nicht als Hypothek hinterlassen.

In Heilbronn wurde über das Aus für den Plattenwald weiter nachgedacht, obwohl der Vertrag zur regionalen Gesundheitsholding mit Hohenlohe festschrieb: Die SLK-Gesellschafter bekennen sich zu den vier Standorten Gesundbrunnen, Plattenwald sowie - stets unumstritten - Brackenheim und Möckmühl.

Warum also geht Susanne Schlichtner jetzt aufs hohe Seil? Ihre Befürworter sagen: Weil niemand sonst die Wahrheit sagt, und die Politik sich den notwendigen Schritt nicht traut. Ihre Kritiker meinen: Die promovierte Juristin seile sich ab; sie ahne, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde. Galt die arbeitswütige Geschäftsführerin mit 20-jähriger Erfahrung - unter anderem in der Stuttgarter Krankenhausgesellschaft - den Heilbronnern früher als landkreislastig, sagt man dem neuen Kreis-chef ein unterkühltes Verhältnis zur Klinik-Chefin nach.

Umgekehrt stieg in Heilbronn die Wertschätzung für die Leiterin des drittgrößten Unterländer Arbeitgebers, die anders als ihr Vorgänger den Gesundbrunnen in schwarze Zahlen brachte. Die Haltung der (Chef)Ärzte zur Herrin im Haus ist ambivalent: Einige reklamieren die Hauptrolle für sich, andere stört der Fokus auf Wirtschaftlichkeit, die dritten loben ihre Weitsicht. Klinikbedienstete zeichnen bisweilen das Bild von der kalten Managerin, die ohne Rücksicht auf sie den Sparkurs hält. Dass sie nun gerade mit ihrer Fürsorgepflicht für die wirtschaftliche Reduktion der Standortzahl argumentiert, legt man ihr je nach Haltung als klugen Schachzug oder als perfide Kaltschnäuzigkeit aus.