Als Trauben noch in hölzernen Kübeln landeten

Die Weinlese von einst mutet heute zwar romantisch an, es handelte sich aber um harte Arbeit

Von Ulrike Danner

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Heilbronn - Es war noch Nacht, als sich die Lesemannschaft auf den Weg in den Wengert machte, um bei Tageslicht mit der Traubenernte zu beginnen. Schwer war die Arbeit dann für die Helfer: Statt in Eimer schnitten sie die Trauben in hölzerne Kübel hinein. Besonders schwer hatte es der Buttenträger: Der leere hölzerne Butten wog schon zehn Kilo, 50 bis 80 Mal wurde er an einem Lesetag gefüllt. Schmalspurschlepper, die den Männern die Last vom Rücken nehmen, gab es früher noch nicht.

Knochenarbeit Die Weinlese, das sei − wie der Weinbau überhaupt − körperliche, anstrengende Arbeit gewesen, erinnert sich der heute 85-jährige Adolf Heinrich aus Heilbronn. Was heute die Motoren leisteten, war früher Menschen- und Pferdekraft.

Schon bei den Vorbereitungen auf die neue Ernte mussten auch Frauen und Kinder fleißig mitanpacken. Kinder etwa schrubbten die hölzernen Weinfässer von innen, denn sie waren die einzigen, die durch die Öffnung passten. Heinrich erinnert sich, wie er als Kind "ausgeliehen" wurde, um auch in der Verwandtschaft diese Arbeit zu erledigen.

Früher waren Zuber, Butten und Kübel aus Holz. Die Lesehelfer hatten schwer zu tragen, die Wege legten sie zu Fuß zurück. Die Traubenernte war körperlich sehr anstrengend, bedeutete aber auch Spaß.Foto: Archiv
Vor der Lese mussten die hölzernen Zuber, Butten und Kübel tagelang gewässert werden: Das Holz sollte quellen, damit die Gefäße abdichteten. Günstig war Regen, man nutzte aber auch kostbares Leitungswasser. Für die Lese brachten Fuhrleute mit ihren Pferdefuhrwerken die Herbstwägen in die Weinberge, am Abend holten sie sie ab. War nur eine kleine Parzelle zu lesen oder fiel die Ernte mager aus, wurden die Trauben auch mit einem "Pferdeschoner" heimgebracht, einem einachsigen Wagen, den der stärkste Mann der Lesemannschaft zog, unterstützt von den anderen Helfern.

Von Hand schippten die Wengerter abends die Trauben aus den runden hölzernen Zubern in die Traubenraspeln. Stunden konnte es daher dauern, bis man selbst an der Reihe war. Die Trauben, die nicht der Genossenschaft abgeliefert wurden, mussten noch abends verarbeitet werden. Zumindest das Raspeln der Trauben war unablässig. Weißwein musste auch gleich gepresst werden. Oft endete ein Lesetag erst mitten in der Nacht. Einige Male habe er sogar überhaupt nicht geschlafen, erinnert sich Heinrich. Die Lesemannschaft benötigte die Wägen und Zuber häufig schon am nächsten Tag wieder.

Erlebnis Die Lese war auch für die Helfer anstrengender als heute. Die Holzkübel waren schwer. Heruntergefallene Traubenbeeren mussten aufgesammelt werden, vor allem beim Trollinger, sagt Heinrich. Die Wege wurden zu Fuß zurückgelegt. Trotzdem sei es kein Problem gewesen Lesehelfer zu finden, erinnert sich Heinrich. Einige hätten den Verdienst dringend gebraucht. Viele seien aber auch nur wegen der Freude und der Unterhaltung mitgegangen.

Romantisch sei so eine Lese gewesen: Über der offenen Feuerstelle brieten die Helfer ihre Würste. Die Mannschaft sang, die Kinder trugen Lampions und ärgerten die Frauen mit Knallern. Sogar Feuerwerke gab es. Man erzählte sich Witze und machte Späße, redete und lachte viel. Am Abend warteten Kinder am Wegrand auf die vorbeifahrenden Traubenwagen.

Heute wurden so manche Lesemannschaften von motorisierten Traubenvollerntern abgelöst. Und mancher Gesang vom Rattern der Motoren. "Die Romantik ist passé", sagt Adolf Heinrich, "aber die Schinderei auch."