Der Klingenberger, der ein Horkheimer war

Heilbronn  Der Klingenberger Steg ist ein beeindruckendes Bauwerk. Die 101 Jahre alte Brücke über den Altneckar war Thema bei der Reihe "Einblicke" des Heilbronner Stadtarchivs.

Von unserer Redakteurin Bärbel Kistner

Der Klingenberger, der ein Horkheimer war
Winterstimmung am Klingenberger Steg mit freiem Blick auf das Schloss. Bis zur Eingemeindung des Stadtteils 1974 gehörte die Brücke eigentlich den Horkheimern.Foto: Hermann Eisenmenger

Die Heilbronner Einblicke am Klingenberger Steg wecken bei manchen Teilnehmern Erinnerungen, wie bei der 83-jährigen Horkheimerin an ihren Schulweg. In den Kriegsjahren hatte man Grundschulklassen der beiden Orte zusammengelegt, weil Lehrer fehlten − viele waren an die Front geschickt worden. Erst- und Zweitklässler wurden deshalb in Horkheim unterrichtet, die Dritt- und Viertklässler im Schulhaus in Klingenberg. Und der Weg der Schulkinder führte über den Steg. Oft hätten sie bei Bombenalarm in den Unterständen an der Brücke Schutz gesucht, erzählt die Frau.

Seit einigen Jahren will das Stadtarchiv mit den Heilbronner Einblicken zur Sommerzeit Stadtgeschichte näher bringen. Die Reihe führte in diesem Jahr nach Klingenberg, um den 1926 erbauten Steg in den Mittelpunkt zu rücken.

Stahlfachwerkbau fasziniert heute noch

Der Klingenberger, der ein Horkheimer war
Großer Bahnhof für die Brückeneinweihung auf Horkheimer Seite am 1. Mai 1926: Knapp 50 000 Mark hat das Bauwerk damals gekostet.Foto: Stadtarchiv

101 Jahre hat die Brücke auf dem Buckel, und nach der nächsten Sanierung könnten weitere 100 Jahre dazu kommen. Das Stahlfachwerk funktioniert technisch nach wie vor. Wegen Korrosionsschäden erhielt die Brücke mit 3,5 eine schlechte Bewertung. Der Stahlfachwerkbau bleibt faszinierend, er kam so ähnlich auch beim Eiffelturm zum Einsatz.

Die längste Zeit seiner Geschichte gehörte der Klingenberger Steg den Horkheimern, wie Werner Föll, zuständig für Stadtchronik und Zeitgeschichte, erklärt. Von den Baukosten in Höhe von fast 50 000 Mark zahlte Horkheim mit fast der Hälfte den Löwenanteil. Von den Klingenbergern als eine der Hauptnutznießer kamen lediglich 1000 Mark. Sogar Brackenheim steuerte mit 5000 Mark deutlich mehr bei als die direkten Anrainer. Der Grund für die Investition aus dem Zabergäu: Von dort kamen viele Arbeitskräfte, die über den Neckar zu den Fabriken nach Sontheim gelangten. Die Zwirnerei Ackermann und der Schuhhersteller Wolko hatten sich in den 1920er Jahren ebenfalls an der Finanzierung des Bauwerks beteiligt.

Vor der Fertigstellung war eine Fähre in Betrieb

Der Klingenberger, der ein Horkheimer war
Expertenwissen bei den Heilbronner Einblicken: Die Sommerreihe des Stadtarchivs ist beliebt, Stadtgeschichte interessiert viele Bürger.Fotos: Dennis Mugler

Eine Fähre hatte vor Fertigstellung der Brücke die Menschen über den Neckar gebracht. Das war umständlich. Zudem war die Fähre in den 20er Jahren defekt, Fuhrwerke konnten nicht mehr übersetzen.

Die Brücke katapultierte die Dörfer dann in ein anderes Zeitalter. "Hochmodern", sei die Konstruktion damals gewesen, informiert Bernhard Neumann, Fachmann im Amt für Straßenwesen, das interessierte Publikum. Wegen großer Nachfrage wurde die Präsentation vor Ort gleich drei Mal wiederholt.

Vier Pfeiler aus Flachbeton bilden das Fundament. Rechte und linke Seite der Brücke wurden vom Ufer aus montiert. Das 12,5 Tonnen schwere Mittelteil wurde per Schiff transportiert und mit Hilfe von Kranen an Ort und Stelle gehievt.

Frost und Hochwasser verursachen Korrosionsschäden

Der Klingenberger, der ein Horkheimer war
Geräuschlos lässt sich der Steg nicht überqueren, das liegt am Alubelag.

Föll und Neumann haben Planungsskizzen und Fotos dabei − zum Beispiel von der Einweihung am 1. Mai 1926. Die Euphorie über das moderne Bauwerk bekam einen ersten Dämpfer wegen hoher Unterhaltskosten. Bereits 1939 wurden, bedingt durch Frost und Hochwasser, Korrosionsschäden festgestellt, und die Horkheimer wären ihre Brücke gerne losgeworden. "Das ist ihnen aber erst gelungen, als sie 1974 eingemeindet wurden", erläutert Werner Föll.

Zum Glück, denn Mitte der 70er Jahre traten erneut Rostschäden auf. 1976 wurden die Fundamente umspundet, die Pfeiler ertüchtigt: "Das hat heute noch eine entsprechende Güte", betont Neumann. Statt Eisenbeton erhielt der Steg den charakteristischen Alubelag, der jeden Benutzer hörbar ankündigt, zudem ein Alugeländer, das ebenfalls bestehen bleibt.

400 000 Mark hat die Sanierung gekostet, mehrere Monate blieb der Steg gesperrt. 2018 steht die erneute Instandsetzung an, die mit einer Million Euro das Fünffache der Summe von vor 40 Jahren verschlingen wird. Die Vollsperrung ist auch diesmal unumgänglich. Die Klingenberger (und Horkheimer) setzen auf eine Behelfsbrücke. "Die Verkehrszahlen sprechen dafür, dass das gemacht wird", gibt Brückenfachmann Bernhard Neumann Anlass zur Hoffnung.