Die Mutter aller Brücken

Heilbronn  Zurzeit ist sie wieder in aller Munde: die Galerie auf der Inselspitze mit der darüberliegenden Friedrich-Ebert-Brücke. Das Bauwerk hatte auch zu früheren Zeiten eine bewegte Geschichte.Viel Wasser ist seitdem den Neckar hinuntergeflossen.

Von Kilian Krauth

 

An einem wunderschönen Frühlingstag Mitte der 1990er Jahre schaut sich der damalige Heilbronner Baubürgermeister Ulrich Frey mit einigen Mitarbeitern eine prominente Baustelle an: die Friedrich-Ebert-Brücke. Als der Rathaustross im Brückenbauch ankommt, hält Frey inne.

Er steht einen Meter unter dem Wasserspiegel des Neckars – im Trockenen, in einer überdimensionalen, 300 Quadratmeter großen Betonwanne. Bald richtet der Feingeist und Architekt den Blick weg vom Beton ins Licht, nach Süden, wo sich überm funkelnden Wasserspiegel der Götzenturm abzeichnet, links die Neckarpromenade, rechts Weiden und über allem ein strahlend blauer Himmel. „Zauberhaft, da müssen wir was draus machen“, sagt Frey, der an diesem Frühlingsmorgen unverhofft Ideengeber für die Galerie unter der Inselspitze wird.

Coole Location für Kunst und Buga

Dass die Idee, deren Realisierung zunächst auf 400.000 Mark beziffert war, dann aber 600.000 Mark kostete, die Stadt teuer zu stehen kommt, ist Schnee von gestern. Heute sorgt der reizvolle Ort aus einem anderen Grund für Diskussionen. Es geht um die Nutzung. Nach dem plötzlichen Tod des Galeristen Manfred Rieker und wegen des im Juli 2016 auslaufenden Mietvertrags sucht die Stadt einen Nachmieter. Auf eine Ausschreibung hin melden sich bis Ende Dezember 2015 fristgerecht drei Interessenten: zwei einheimische Gastronomen sowie ein gut vernetztes Trio, das unter dem Titel „Projekt Galerie Inselspitze“ eine Art Knotenpunkt für die freie Kunstszene installieren will und darüberhinaus einen länderübergreifenden freien Wissens- und Kulturaustausch.

Doch nach Bewerbungsschluss sorgt ein vierter Bewerber für Unruhe: Hanspeter Faas, Chef der Bundesgartenschau (Buga) GmbH, will die „coole Location“ zur Info-Drehscheibe ausbauen, nicht nur für die Buga, sondern für die Leuchttürme der Stadtentwicklung. Oberbürgermeister Harry Mergel steht fest hinter Faas’ Idee und bietet gleichzeitig dem Kreativ-Trio die Mitarbeit an. Doch das hält zunächst wenig davon und fühlt sich ausgebootet. Auch die freie Kunstszene ist nicht amused. Im Netz tobt ein Proteststurm, die Inselspitze schlägt Wellen. Schlagartig rückt der wenig frequentierte, aber stark wahrgenommene Ort in den Fokus der Kommunalpolitik. Eine Entscheidung muss der Gemeinderat noch in diesem Frühling fällen.

Die Vorgeschichte der Brücke ist nicht minder bewegt

Ihr Standort bildet von je her einen wichtigen Knotenpunkt der Stadt am Fluss. Tauchen wir in die Historie dieser Mutter aller Heilbronner Brücken ein. Mutmaßlich schlagen bereits die Römer unweit des Ortes, der bei seiner Ersterwähnung 841 Villa Helibrunna genannt wird, eine Brücke über den „niger“, den Wilden, wie sie den schnell fließenden Fluss nennen.

In einem städtischen Verzeichnis über Straßen und Brücken ist von einer Steinbrücke aus dem Jahr 150 die Rede. Klarer wird die Quellenlage im 14. Jahrhundert. 1333 bekommt Heilbronn von Kaiser Ludwig dem Bayer das Recht, den Fluss nach Belieben zu „keren und wenden“. Im Zuge dieser Heranführung des damals weit verzweigten Gewässers an die Mauern der Reichsstadt verzeichnet die Chronik anno 1349 den Bau einer hölzernen Brücke, 1471 wird diese durch eine steinerne mit vier Pfeilern im Flussbett ersetzt. „Wegen allzu großer Dicke und überhäufter grausamer Menge des Eises“, weiß der Chronist, wird das Bauwerk am 20. Februar 1691 vom Neckarhochwasser mitgerissen.

Eine über acht Schiffe gelegte Behelfsbrücke muss neben einer von Franzosen gebauten Behelfsbrücke als Ersatz dienen, ehe am 14. November desselben Jahres eine neue Holzbrücke aufgeschlagen wird. Schon nach 25 Jahren muss sie gründlich repariert werden. Aber erst im Jahre 1807 wird unter Baumeister Gottlieb Christian Eberhard von Etzel – der unter anderem die Stuttgarter Weinsteige und die Heilbronner Villa Mertz plante – eine höhergelegte und mit Holz abgedeckte Brücke in Angriff genommen. Wegen der Baustelle wird der alte Torturm abgetragen.

Ein halbes Jahrhundert später schlägt auch ihre Stunde. Das Holz wird abgetragen; dem Mittelpfeiler „mit Bohrloch und Pulver zu Leibe gerückt“, weiß ein Augenzeuge noch 1935 zu berichten. Der Pfeiler, heißt es weiter, „nahm die Sprengung recht übel, warf den Nachbarhäusern einen Steingruß zu und setzte die Glaser der Stadt ins Brot“. Am 16. Juni 1865 schließlich wird mit dem Bau einer neuen, zweibögigen Brücke begonnen. Zwei Jahre später feiert man die Einweihung. Mit dem Durchbruch der ehemaligen Kramstraße, der heutigen Kaiserstraße, wird diese Brücke etwas flussabwärts über die Hefenweilerinsel geführt und mit einem Pfeiler verankert.

Diese eiserne Brücke mit ihrem seltsamen Buckel übersteht selbst den Bombenangriff vom 4. Dezember 1944.

Symbol des Wiederaufbaus

Kurz vor Kriegsende 1945 jedoch fällt sie in den ersten Apriltagen „der verbrecherischen Hand der abziehenden Nazis zum Opfer“, wie die Stimme 1947 formuliert. Redakteur Carl-Albert Müller: „Als sich damals die Sprengwolke lichtete, der Wassergischt legte, war die Brücke weggeblasen. Heilbronns Organismus zerschnitten. Dann wuchs Unkraut zwischen den zerborstenen Skeletten und tot schauten die Ruinen der Hauptstraße in den Fluss. Es musste viel Wasser fließen, bis wieder Leben an die Stätte kam.“

1947 wird am 11. Oktober nach einem dreijährigen Provisorium die neue Brücke eingeweiht. Sie trägt einen programmatischen Namen: den des ehemaligen Reichspräsidenten und Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Nach beschwerlicher Bauzeit wird sie „zum Symbol für den Mut und den Willen zum Wiederaufbau“, wie es bei der Einweihung heißt.

Zum Symbol des Aufbruchs in ein weiteres Kapitel der Stadtgeschichte wird das folgende Bauwerk, also die heutige Brücke. Nachdem die alte im Sommer 1990 wegen Einsturzgefahr über Nacht für den Autoverkehr gesperrt werden muss, liegen schon 1991 Neubaupläne vor. Doch der Spatenstich verzögert sich, weil in Stadt und Region plötzlich die Idee einer Stadtbahn die Runde macht. Nach heftigen Debatten und mit knapper Mehrheit ringt sich der Gemeinderat im Mai 1993 dazu durch, die Statik stadtbahntauglich auszurichten.

Gleichzeitig markiert der elegante Bau die Zuwendung der Stadt zu ihrem Fluss: durch großzügigen Treppenabgänge, die zur 500 Quadratmeter großen Inselspitze führen – und zu einem Raum im Brückenbauch.

Insel der Ruhe inmitten der Stadt

Bald bewerben sich Gastronomen um die Nutzung, auch der Jazzclub Cave klopft an. Die Inselspitze ist in aller Munde. Galerist Manfred Rieker bekommt schließlich den Zuschlag. Skulpturen und Objekte sowie Kunst aus Süddeutschland bilden die Schwerpunkte seiner Ausstellungen. Nicht alle können damit etwas anfangen. „Öde“ nennen Kommunalpolitiker die mit rotem Sand bedeckte Inselspitze. Anfangs gibt es Versuche, „das verwaiste Stückchen Eiland“ punktuell zu beleben.

Architekten schwärmen bis heute von ihrem Kammerfest, das Insel-Hotel lässt sich 1998 für einen Inselfest erwärmen, beim Neckarfest wird das Kleinod regelmäßig von einer großen Bühne belegt. Doch der wahre Reiz dieses Ortes liegt nicht im Trubel. Die Inselspitze ist eine Insel der Ruhe, mitten im Fluss, mitten im Großstadtgetriebe.

 

 

 

 

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