Alltag in einer Kleintierpraxis

Heilbronn  Ultraschall, Röntgenraum, Computertomografie, Operationen, stationäre und ambulante Patienten - all das gibt es auch in einer Tierklinik.

Von Susanne Schwarzbürger

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Doktor Sigrid Baumgart arbeitet mit Metzenbaumschere und Katzenhaken, um die Tiere zu kastrieren.

Der Rasierer schnurrt gleichmäßig. Die Katze macht hingegen keinen Mucks. Kathrin Till zeigt auf die Stellen an Snoopys Bauch, die Melisa Külüsli noch scheren muss. Die mit 17 Jahren jüngste Auszubildende im Kleintierzentrum Heilbronn arbeitet sorgfältig nach. Dann greift sie zum nächsten Elektrogerät und saugt das Fell ab.

"Es dürfen keine Haare in die Wunde fallen", sagt Doktor Sigrid Baumgart, die Ärztin, die Snoopy gleich kastrieren wird. Der Stubentiger hängt kopfüber auf einer Art Streckbrett. "Das sieht brutal aus, muss aber sein", erklärt Till, "so fallen die inneren Organe in Richtung Brustkorb und der Operateur kommt besser dran." Seit acht Jahren arbeitet die 27-Jährige in der Praxis. Auf ein Praktikum folgte die Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten, wie Tierarzthelferinnen seit 2009 offiziell heißen. Und sie ist noch Fachberaterin für Tierernährung.

Doch zurück zu Snoopy. Ausdruckslos starrt sie ins Leere. Vollnarkose. Tieraugen stehen da immer offen. Damit sie nicht austrocknen, schmiert Külüsli Augengel drüber. Die nackte Bauchhaut wird jetzt mit Alkohol gereinigt und ein Desinfektionsmittel aufgesprüht. Das ist rot "damit man sieht, wo desinfiziert ist", so Baumgart. Sie steht schon mit Mund- und Haarschutz da. Jetzt hilft Till ihr in einen blauen Kittel und bindet ihn hinten zu.

Alltag in einer Kleintierpraxis

An der Schwelle zum OP müssen auch Helferinnen, Fotograf und Reporterin grüne Hauben über Haare und Schuhe stülpen. Mit behandschuhten Händen bedeckt Baumgart die vor ihr auf dem Brett liegende Katze mit einer grünen Tuchfolie, in die sie einen OP-Schlitz schneidet. Dann operiert sie ein kleines Loch in den Bauch. Vorsichtig erweitert sie es so, dass sie mit dem sogenannten Katzenhaken den winzigen Eierstock hervorholen kann. "Jetzt wird ein Faden drumgebunden und komplett herumgezogen. Der Eierstock wird dann mit drei Knoten hintereinander, den Ligaturen, abgeklemmt", erklärt Kathrin Till.

Während die Ärztin operiert, behält die Helferin Snoopys Pupillen im Auge: "Die Narkose wirkt eine dreiviertel Stunde. Die Katze hat einen Venenzugang. Je nachdem wie es aussieht, gebe ich ihr Propofol nach."

Arbeitsverbot für Schwangere

Till kennt sich bestens aus. Eigentlich wollte die Tiernärrin selbst Veterinärmedizin studieren. Doch dann fand die junge Frau: "Wenn man Kinder haben möchte, ist das schwierig." Denn das Studium sei lang, und wenn man mit Tieren arbeite, gelte zum Schutz vor Infektionen ab dem ersten Tag, wo man von seiner Schwangerschaft erfährt, ein Arbeitsverbot. Till fürchtete, nach einer Unterbrechung kurz nach dem Studium nicht mehr richtig in den Job hineinzukommen.

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Bonsai trägt Tüte, damit er sich nicht abschlecken kann. Links: Kathrin Till.

Gleichzeitig schwärmt sie, wie auch andere Helferinnen und die Ärztinnen, von den Arbeitsbedingungen in dem großen Kleintierzentrum. "Hier darf man, wenn man aus der Elternzeit zurückkommt, arbeiten, wie es der Kindergarten zulässt", sagt Till. Teilzeitkräfte könnten Spezialaufgaben übernehmen. Die 59-jährige Baumgart, die nach langjähriger Tätigkeit in Landkreispraxen seit einem Jahr in Heilbronn arbeitet, lobt ebenfalls: "Ist hier schon was anderes, wenn man sich mit Kollegen austauschen kann. Und die Chefs sind immer ansprechbar, das ist ein Riesenplus, auch für die Patienten." Einer der drei Klinikchefs habe immer Hintergrunddienst.

Eine der Chefinnen hat Snoopy und ihren Gefährten Rocky um 7.30 Uhr aufgenommen. "Wie geht es ihm?", fragte Doktor Ramona Maier das Herrchen der beiden. "Hungrig", sagte der junge Mann in Arbeitshose, der den roten Kater und die schwarzgefleckte weiße Katze im Doppelpack zur Kastration ablieferte. Klar, zu einer Operation müssen auch Tiere nüchtern erscheinen. Praxismitbegründerin Maier griff zum Stethoskop: "Der ist total aufgeregt", stellte sie fest. Als sie "die Dame" untersuchte, empfahl die gebürtige Münchnerin freundlich: "Bei der muss man a bisserl aufs Gewicht aufpassen." Herrchen grinste verlegen: "Das ist meine Frau, die verwöhnt die Katzen."

Als Sigrid Baumgart eine Stunde später Snoopys OP-Wunde vernäht − "das ist wie Kunststopfen", hat Rocky sich schon aus der Narkose berappelt. "Der Eingriff ist beim Kater einfacher", erklärt die Ärztin. "Da holt man nur durch Minischnitte im Hodensack die Hoden raus." Warum werden dann Katzen nicht nur sterilisiert? "Beim Kastrieren nimmt man die Fortpflanzungsorgane raus, beim Sterilisieren bindet man sie nur ab", ist die Antwort. So werde durch Kastration die hormonelle Wirkung der Eierstöcke aufgehoben, bei einer Sterilisation könnten Katzen dauerrollig werden.

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Ultraschalluntersuchung bei Doktor Elisabeth Baumgärtner. Britta Steiner hält ihre Katze Ruby selbst mit fest. Fotos: Dennis Mugler

Am Nachmittag dürfen die beiden Stubentiger wieder nach Hause. Anders als die meisten Tiere, die derzeit stationär im ersten Stock des Zentrums leben. Etwa der Yorkshire Terrier mit chronischer Niereninsuffizienz, der Border Collie, der nachts mit hohem Fieber eingeliefert wurde, weil er nicht mehr aufstehen konnte, der Cavalier-King-Charles-Spaniel mit einer Gebärmuttervereiterung, der noch spätabends notoperiert werden musste. Oder, auf der etwas streng riechenden Katzenstation die schöne weiße, blauäugige Darmpatientin, Tumorpatienten und vor allem Unfallopfer.

Krankenversicherung oft sinnvoll

Noch Glück hatte die Katze, die Azubi Ciara Malchin festhält, während ihr Lisa Nierhaus vorsichtig den Verband vom Bein wickelt: "Die hat nichts gebrochen, nur die Haut ist abgeschabt", sagt die 26-jährige Ärztin. Und sie habe einen Besitzer. Im Gegensatz zu dem großen, dunklen Kater. Die Tierrettung hat ihn eingeliefert. "Dem mussten wir nach einem Autounfall ein Auge entfernen und den Unterkiefer verdrahten. Wer für die Behandlungskosten aufkommt, muss mit dem Tierheim abgesprochen werden", erklärt Ramona Maier. "Da sind die Gemeinden zuständig." Die Klinikchefin empfiehlt eine Krankenversicherung für Freigängerkatzen: "Aus tierärztlicher Sicht kommen die am teuersten. Die haben die meisten Unfälle."

"Haustiere sind nichts für arme Leute", bestätigt Britta Steiner diese Sicht. Sie hält ihre Ruby fest, gemeinsam mit der Helferin, während Doktor Elisabeth Baumgärtner die British-Kurzhaar-Katze per Ultraschall untersucht. "Beim Impftermin wurden Herzgeräusche festgestellt", erklärt die Bretzfelderin die Überweisung der Haustierärztin. Und scherzt: "Ruby ist wertvoll. Sie hatte schon einen Verkehrsunfall."

Für die Spezialuntersuchung sind jetzt 149 Euro fällig. Direkt zu zahlen bei Baumgärtner. Dreimal wöchentlich hält die Belegärztin aus Eberstadt mit ihrem mobilen Gerät ihre Ultraschall-Terminsprechstunde im Kleintierzentrum Heilbronn ab. Bei der zweijährigen Ruby diagnostiziert sie HCM, eine Hypertrophe Kardiomyopathie. "Das ist eine Verdickung der Herzwandmuskulatur, die dazu führt, dass der Herzkammerinnenraum immer kleiner wird." Noch nicht schlimm, aber Ruby soll nun einmal pro Jahr zur Kontrolle kommen.

Plötzlicher Herztod

Alltag in einer Kleintierpraxis

In der Sprechstunde horcht Doktor Ramona Maier die Tiere erst mal ab. Eine Fluoreszinprobe am Auge wird belegen: Mimis Hornhaut ist intakt. Die Katze leidet nur an einer Bindehautentzündung.

"HCM haben viele, besonders Rassekatzen", sagt Baumgärtner, die sich seit 1985 dem Ultraschall verschrieben hat: "Ich finde nach wie vor spannend, was man da alles sieht." Und sie weiß: "Große Hunde haben oft gerade das Gegenteil, eine Dilatative Kardiomyopathie. Die kann besonders bei Dobermännern Ursache für den plötzlichen Herztod sein."

Parallel hält die auf Tumortherapie spezialisierte Maier ab 10 Uhr Sprechstunde. "Es kommen zu 50 Prozent Hunde, zu 40 Prozent Katzen, der Rest ist gemischt", sagt die 60-Jährige. Gemischt heißt: Vor allem Hasen, Kaninchen, Meerschweinchen. Aber auch Reptilien, Schildkröten, Igel. Es wurde auch mal ein Wolf aus Tripsdrill behandelt. Und der exotischste Patient: Eine Zirkusrobbe mit Lungenentzündung. Heute kommen: Ein Bernhardiner zur Nachuntersuchung, eine Katze mit Bindehaut-, ein Bichon Frisé mit einer Analdrüsenentzündung, ein Kater zur Zahnsteinentfernung und noch einige mehr. Immer dabei: eine Arzthelferin.

"Wir sind hier 33 Mitarbeiter", erzählt Maier. Elf Ärzte, tiermedizinische Fachangestellte, Azubis, Putzkräfte, darunter nur ein Mann − Maiers Ehemann und Praxismitbegründer Franz Xaver Lutter. Maier ist aufgefallen: "Von der Uni kommen fast nur noch Frauen." Das sei früher anders gewesen, als Nutztierärzte Haustiere mitbehandelt hätten. Warum das so ist, kann sie sich nicht eindeutig erklären.

Weiblich sind auch die Praktikanten: Rebecca von der Werkrealschule Frankenbach und Samira von der Wilhelm-Maier-Schule Obereisesheim. Die beiden 14-Jährigen sind mit Freude bei der Sache: "Wir dürfen überall dabei sein und immer helfen, die Tiere sauberzumachen oder festzuhalten."