Pfarrer bewahrt Rabbiner vor dem Vergessen

Heilbronn  Max Beermann (1873-1935) gehörte zu den herausragenden Köpfen des deutschen Judentums. Er wirkte bis in die Nazi-Jahre hinein als Rabbiner in Heilbronn. Erstmals überhaupt hat Pfarrer Günter Spengler sein Wirken und Werk erforscht.

Von Kilian Krauth

Max Beermann
Max Beermann.  

Wenn in einem katholischen Gemeindehaus ein evangelischer Theologe über einen Rabbiner referiert und dabei von einem jüdischen Kantor musikalisch begleitet wird, „ist es schön zu sehen, dass so etwas in unserer Stadt wieder möglich ist“, so Professor Christhard Schrenk.

Gemeinsame Wurzeln

Die Rede ist vom ehemaligen Heilbronner Rabbiner Max Beermann (1873-1935), dessen fast vergessenes Wirken und Werk nun erstmals umfassend aufgearbeitet wurde: und zwar vom ehemaligen Nikolai-Pfarrer Günter Spengler. Eine Woche bevor ein Teil seiner Forschungen in Band VIII der „Heilbronner Köpfe“ veröffentlicht wird, referierte er im Gemeindehaus an der Fischergasse über den damals deutschlandweit bekannten jüdischen Theologen, Philosophen, Literaturkenner und Menschenfreund. Kantor Nikola David (München/Stuttgart) umrahmte den Abend mit einfühlsamen Gesängen, Brigitte Varga begleitete ihn am Klavier. Eindrucksvoll zeigten vor allem die Psalmen, „dass wir gemeinsame Wurzeln haben“, wie Münsterpfarrer Roland Rossnagel betonte.

Zur Welt kam Max Mordechai Beermann am 5. April 1873 in Berlin. Das Studium führte ihn über die heutige Humboldt-Universität zur Dissertation nach Gießen, ehe er 1998 sein Rabbiner-Diplom erhielt. Sein hoher intellektueller Anspruch sei, so Spengler, typisch für das damalige weltoffene deutsche Judentum, das sich auch in den gesellschaftspolitischen Diskurs einmischte und sich in der bewegten Weimarer Zeit der „deutschen Kultur“ eng verbunden fühlte.

Als „Berufsanfänger“ in Insterburg heiratete Beermann Recha Goldschmidt aus Saalfeld und brachte mit ihr zwei Töchter zur Welt: Ruth und Elisabeth, wobei eine der beiden später dem Stadtarchiv drei Bücher mit handschriftlichen Anmerkungen ihres Vaters vermachte. Leider, so Spengler, habe er ansonsten kaum persönliche Briefe, Tagebücher oder Fotos Beermanns gefunden. So fußen seine Forschungen vornehmlich auf dessen Fachschriften und auf Zeitungsartikeln. Einer berichtet nach der ruhmreichen Verabschiedung in Insterburg von „formvollendeten Predigten, fesselndem Religionsunterricht, hingebungsvoller Seelsorge und intensiver Zusammenarbeit mit christlichen Kollegen“. Spengler: „So war es auch in Heilbronn.“

Gegen Anti-Judaismus, gegen Nazis

Über den klassischen Rabbinerdienst in der maurisch anmutenden Synaoge an der Allee 2 füllte Beermann mit seinen spannenden Vorträgen regelmäßig VHS-Säle, ja sogar die Festhalle Harmonie. Am Friedensplatz sprach er zur Enthüllung des heute noch stehenden Kriegerdenkmals. Im Wohnhaus an der Schillerstraße 50 ging das Bildungsbürgertum ein und aus, darunter der Chefredakteur der „Neckar-Zeitung“, Theodor Heuss.

Flagge zeigte Beermann auch gegen christlichen Anti-Judaismus und am Ende gegen Nazis. Er stellte einen „völkerverbindenden Universalismus“ gegen den Kampf um Vorherrschaft, „die Humanität als Grundlage der Sittlichkeit“ gegen das Recht der Stärkeren, den „göttlichen Ursprung jedes Menschen“ gegen die Dominanz einer „Herrenrasse“, das biblische Liebesgebot und die biblische Sozialgesetzgebung zugunsten der Schwachen gegen das „Naturgesetz“ vom Sieg der Starken. Die von Vielen gerühmte Kraft von Beermanns Rede konnte aber, „gegen den Kulturabbruch durch die Nazis nichts ausrichten“, bedauerte Spengler. Viele Gedanken des 1935 – an einem geplatzten Herz – gestorbenen Rabbiners seien erst Jahrzehnte später auf fruchtbaren Boden gefallen, „oder warten immer noch darauf“.

Synagoge Heilbronn