Käthchen ist immer noch für einen Aufreger gut

Heilbronn  1998 flog eine Bronze-Figur in hohem Bogen in den Neckar, jetzt brachten Polizeitaucher sie wieder ans Licht.

Von unserem Redakteur Daniel Stahl

Email
Eine Käthchen-Figur aus Bronze steht im Haus der Stadtgeschichte.Foto: Stahl

Was passt nicht in die folgende Aufzählung? Verrostete Einkaufswagen, schrottreife Fahrräder, kaputte Handys, eine Bronze-Figur des Käthchens von Heilbronn. Taucher der Wasserschutzpolizei fanden alle diese Gegenstände Ende August im Neckar bei der Friedrich-Ebert-Brücke in der Heilbronner Innenstadt. Die Taucher sind oft im Neckar unterwegs, um Schrott zu beseitigen. "In der Regel finden wir Müll", sagt Wolfgang Holch, Leiter des Ermittlungsdienstes der Wasserschutzpolizei Heilbronn. Als Taucher diesmal ein rund 24 Zentimeter großes Käthchen aus Bronze aus dem Wasser zogen, "war das eher ungewöhnlich", sagt Holch.

Original

Noch ungewöhnlicher: Bei der Figur handelte es sich um eine Figur des Heilbronner Bildhauers Dieter Läpple. Er hatte 1965 eine Figur für den Käthchenbrunnen beim Fleischhaus entworfen. Das jetzt im Neckar aufgetauchte Käthchen ist ein Modell für das große Brunnen-Käthchen. Bis heute hat Läpple Hunderte der kleinen Bronze-Figuren verkauft, sagt der Künstler. Eine Figur koste zurzeit etwa 600 Euro.

Graviert

Auch die Stadt Heilbronn war in früheren Jahren oft Kunde von Dieter Läpple. Die Oberbürgermeister Weinmann und Hoffmann verschenkten kleine Käthchen-Figuren an Gäste, sagt Walter Hirschmann vom Stadtarchiv. Wer aber alles so ein Geschenk erhalten hat, ist unklar. Eine Liste der Empfänger sei nicht mehr auffindbar, heißt es von der Rathaus-Pressestelle.

Käthchen ist immer noch für einen Aufreger gut
OB Weinmann verschenkte früher Käthchen an Gäste der Stadt. Foto: HSt-Archiv

Der Besitzer des Käthchens aus dem Neckar war dafür schnell klar. Sein Name ist seitlich in die Bodenplatte der Bronze-Figur graviert. Bei dem Mann handelt es sich um einen Literaten aus der Region, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Die Geschichte, wie das Käthchen im Neckar landete, erzählt er aber gerne: Künstler Läpple schenkte dem Literaten 1995 ein Käthchen. Doch die beiden Männer überwarfen sich später. Sie waren unterschiedlicher Meinung zu Texten über Läpples Werk. Aus Wut und als Schlussstrich warf der Literaturwissenschaftler sein Käthchen im Sommer 1998 "in hohem Bogen in den Neckar", sagt er. Dort würde es immer noch liegen, wenn die Wasserschutzpolizei es nicht zufällig bei ihrer Säuberungsaktion gefunden hätte. "Es ist nicht schön, wenn jeder sein Zeug in den Neckar wirft", sagt Polizist Holch. Im Fall der Käthchen-Figur gab es aber keine Verwarnung für den Besitzer.

Der hat sein Bronze-Käthchen inzwischen bei der Polizei abgeholt. Es steht auf dem Fensterbrett, gesäubert und poliert. Nur am Hintern der Figur ist ein kleiner Fleck geblieben von 17 Jahren unter Wasser.

Anekdote

Heute sieht der Mann den Streit mit Künstler Läpple nicht mehr so eng. "Läpples Werk schätze ich immer noch sehr", sagt er. Das Käthchen halte er nach wie vor für ein Meisterwerk der Kunst. "Dass meine Figur wieder aufgetaucht ist, hat mich daher ungeheuer gefreut."

Auch Bildhauer Läpple schmunzelt eher über die Geschichte. Er findet sie "sagenhaft". "Dass der Mann mich so hasst, dass er mein wichtigstes Werk wegschmeißt", hätte Läpple zwar nicht gedacht. "Aber es ist toll, dass das Käthchen wieder um eine Anekdote reicher ist."