Ein Haus mit vielen Gesichtern

Heilbronn  Das neue Marra-Gebäude am ehemaligen C&A-Standort bei der Neckarbrücke soll einen farbigen Glanzpunkt im Stadtbild schaffen. Je nach Blickwinkel, ob vom Neckarufer, der Kaiserstraße oder der Kramstraße, erscheint die Lamellenstruktur der Fassade in einer anderen Farbe.

Von Bärbel Kistner

Wer ein Werk von Antonio Marra betrachtet, sieht mindestens drei verschiedene Bilder. Je nach Perspektive verändert sich die Farbgebung, dabei entstehen jedes Mal neue, verblüffende Kompostionen. Durch Zufall entdeckte Immobilienentwickler Joachim Kruck den deutsch-italienischen Künstler auf der Art Karlsruhe, kaufte einige Bilder, und aus der Faszination entstand die Idee: Dieser Mann soll die Fassade seines neuen Gebäudes am Neckar gestalten. Erstmals hat Kruck nun die Entwürfe präsentiert und das Geheimnis um die Gestaltung des Großprojekts gelüftet.

Je nach Blickwinkel, ob vom Neckarufer, der Kaiserstraße oder der Kramstraße, sieht man ein anderes Gesicht, verändern sich die Farben der Fassade wie bei einem Chamäleon. Zwei Jahre hat es gedauert, bis aus der ersten Idee ein umsetzbarer Entwurf wurde. Es war ein langer Prozess in enger Abstimmung mit einer Expertenkommission, der Heilbronner Stadtverwaltung und mit Unterstützung von Professor Axel Buether, einem ausgewiesenen Fachmann für Farbe in der Architektur. Für Antonio Marra ist die Gestaltung eines Bauwerks eine Premiere, für Bauherrn Joachim Kruck die Herausforderung, Kunst und Architektur in Einklang zu bringen.

Wie setzt man ein Bild in eine Konstruktion um? Funktioniert ein Prinzip in der Malerei auch im Stadtbild? Der beauftragte Architekt Alexander Schleifenheimer kann sich dabei nicht auf bestehende Bauten beziehen, sondern muss etwas vollkommen Eigenständiges, Neues schaffen. Mit Modellen und Farbmustern wurde experimentiert. Das Resultat ist eine transparente Haut aus insgesamt 16 000 schmalen Lamellen: Aluprofile, die in 40 verschiedenen Farben, aus vier Farbfamilien stammend, lackiert werden.

Leuchtkraft

Eine hochwertige Farbbeschichtung soll die Leuchtkraft auch über Jahre hinweg garantieren, Joachim Kruck kann sich die Kompetenz eines ehemaligen Lackexperten von Audi zunutze machen: "Das Haus soll gut altern und langfristig gut aussehen. Es geht uns um Dauerhaftigkeit und nicht um einen Rieseneffekt zur Fertigstellung 2016."

Ein neuer, selbstbewusster Glanzpunkt im Stadtbild von Heilbronn soll an dieser Stelle entstehen, "ein Gebäude, an das man sich erinnern wird", betont Axel Buether. "Es wird auffallen und die Menschen emotionalisieren." Die Behutsamkeit im Umgang mit dem Stadtbild soll dabei gewahrt werden. "Seite für Seite nehmen wir Bezug", erläutert Architekt Schleifenheimer. Den historischen Nachbarn, das Fleischhaus, will man nicht mit Buntheit erschlagen, an dieser Fassadenseite ist die Farbe stark zurückgenommen. Die Fassaden zum Neckar und zur Kaiserstraße hin haben kräftigere Farben. "Die Menschen sollen merken, dass hier die Innenstadt beginnt", erklärt Farbexperte Buether.

Risiko

Joachim Kruck, der mit Partnern 42 Millionen Euro in das Projekt investiert, ist sich des Risikos bewusst, wenn man Neuland betritt und etwas macht, "dass es in dieser Konsequenz weltweit nicht gibt". Bei Interessenten für Wohnungen und Praxen und bei bereits feststehenden Mietern ist Kruck auf positive Resonanz gestoßen. Dass er sich für den Abriss der Nachkriegsarchitektur entschieden hat, ermöglicht, was seit Jahren in Heilbronn diskutiert werde: Die Stadt kann sich zum Neckar hin öffnen, durch Gastronomie an der 70 Meter langen Gebäudefront. Wäre das 50 Jahre alte C&A-Gebäude erhalten geblieben, hätte man große Kompromisse bei der Nutzung schließen müssen. Auch Einzelhandel hätte den Zugang zum Neckar verschlossen.

Ist Künstler Marra stolz darauf, dass der Bau seinen Namen trägt? Die Qualität, die man anstrebt, habe ihn überzeugt. "Für mich wird etwas umgesetzt, wie ich es mir erträumt habe. Das Haus ist eine Bereicherung für meine Malerei."