Am Kiliansturm droht Hals- und Beinbruch

Heilbronn  Roofing nennt sich ein neuer Extremsport, bei dem Kletterer schwer zugängliche Gebäude besteigen und sich per Handy verewigen. Nun haben sie auch den Heilbronner Kiliansturm entdeckt.

Von Kilian Krauth

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Die jungen Leute waren zunächst über die Wendeltreppe wie erlaubt bis zur zweiten Plattform des Kiliansturmes gelangt und dann in den gesperrten Bereich vorgedrungen. Foto: Archiv/Seidel

Die Kirche will es nicht an die große Glocke hängen, "damit nicht noch mehr auf die dumme Idee kommen", wie Pfarrer Hans-Jörg Eiding neulich durchblicken ließ. Doch bei der Mitgliederversammlung des Fördervereins gab Kirchenpfleger Rolf Krieg jetzt offen zu verstehen, dass es an der Kilianskirche neuerdings immer wieder Fälle von "Roofing" gebe. Der englische Begriff steht für eine Extremsportart, bei der Kletterer schwer zugängliche Gebäude besteigen und ihre Aktion oft per Handy festhalten und mitunter ins Internet stellen.

Strengere Regeln oder andere Maßnahmen gegen Kletterer

Am Ulmer Münster wie auch am Kölner Dom komme es immer wieder zu solchen Vorfällen − und inzwischen auch am Kiliansturm. So berichtet Krieg, wie vor drei Wochen "junge Leute zunächst ganz normal" − also nicht etwa über das Gerüst an der Nordflanke des Gotteshauses − über die innere Turmtreppe bis zu einer Plattform gelangt und dort "in den verbotenen Bereich vorgedrungen" seien: mutmaßlich über "die Nase von Hans Schweiner", genauer gesagt: über ein in Sandstein gehauenes Porträt des Kirchenbaumeisters aus der Renaissancezeit.

Wie sich herausstellte, hätten sich die Extremsportler zunächst ordnungsgemäß zu 1,50 Euro pro Person im Kilianshaus den Turmschlüssel geliehen und eine Vereinbarung unterschrieben, die unter anderem das Klettern am Turm ausdrücklich verbietet. Als Krieg die beiden später auf frischer Tat ertappte, hätten sie sich einsichtig gezeigt und sich entschuldigt. Deshalb sehe er von einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch ab. Außerdem sei kein Schaden zu beklagen.

Trotzdem überlege die Kirche inzwischen, wie sie über strengere Regeln oder andere Maßnahmen verhindern kann, " dass das kein Volkssport wird", wie Krieg auf Stimme-Anfrage sagt. "Aber eine Lösung haben wir noch nicht gefunden."

Kunststückchen in 62 Metern Höhe

Vereinschef Hans Hambücher bringt das Problem so auf den Punkt: "Man geht ein gewisses Risiko ein, dass es einen runterhagelt." Außerdem bestehe die Gefahr, dass das rund 500 Jahre alte Kulturdenkmal beschädigt wird.

Der 62 Meter hohe Turm reizte schon früher Kletterer. In die Geschichtsschreibung ein gingen Leo Wörner und Willi Schöller, die 1921 nach einer Kneipenwette einen Handstand auf dem Männle machten. 2001 standen die beiden Vorbild für zwei Turnweltmeister: Eberhard Gienger und Victor Belenki wagten zur Eröffnung des Weindorfs Handstände in luftiger Höhe − allerdings waren sie mit Seilen an einem Kran gesichert und warben damals für Spenden für die Turmsanierung.

Im Sommer 2013 taten es ihnen Mischa Leinkauf und Matthias Wermke nach, ohne dass jemand groß Notiz davon nahm − bis das Künstlerduo in der Kunsthalle Vogelmann ein entsprechendes Video zeigte.

 

 

Extremsportler von Kletterern inspiriert?

Die aktuellen Roofer könnten auch von Kletterern inspiriert worden sein, die den Turm kürzlich routinemäßig und gut gesichert auf Schäden untersucht hatten.