Der Mann, der die Männer nicht aus der Verantwortung lassen will

Familienrichter Helmuth Borth zur aktuellen Diskussion um Scheidung und Unterhalt

Von Bärbel Kistner

Der Mann, der die Männer nicht aus der Verantwortung lassen will

Solidarität mit dem wirtschaftlich Schwächeren - in der Regel sind es die Frauen - muss auch nach einer Ehescheidung gelten, fordert der aus Heilbronn stammende Familienrichter Helmut Borth. (Foto: Dittmar Dirks)

Klischees entstehen deshalb, weil die Dinge tatsächlich so passieren. Zum Beispiel bei Scheidungen. Den Fall gibt's nicht nur bei Prominenten, dass ältere Ehefrauen gegen Jüngere ausgetauscht werden. Vorzugsweise sind es die erfolgreichen Karriere-Männer (und Väter), die diesen Weg beschreiten. Und es trifft diejenigen Frauen, die dem Gatten den Rücken freigehalten und die Kinder großgezogen haben.

Helmut Borth hat dieses Beispiel in der Praxis schon häufig erlebt, ob am Anfang seiner Laufbahn in Heilbronn oder später in Stuttgart. Der 61-Jährige Heilbronner ist seit den 70er Jahren Familienrichter. Zunächst war er am hiesigen Amtsgericht, wo er die Rechtssprechung prägte. Später wurde er Senatsvorsitzender am Oberlandesgericht in Stuttgart. Dort landeten viele Scheidungsfälle in zweiter Instanz. Als Mitautor eines Standardwerks kennt der in Neckargartach lebende Borth das Scheidungsrecht in- und auswendig. Und auch deshalb gehört er zu den Kritikern der jüngsten Reform. In Wieland Backes' "Nachtcafé" brach er jüngst eine Lanze für die Frauen.

Borths Kritik richtet sich nicht gegen den zentralen Ansatz. Danach sollen Ansprüche von Kindern, egal ob ehelich oder unehelich, gegenüber denen geschiedener Ehefrauen Vorrang haben. Der Jurist befürchtet vielmehr, dass es Mütter sind, die bei Trennungen auf der Strecke bleiben. Dann, wenn sie für die Zeit der Familienphase auf eigene Berufstätigkeit und auf eigene berufliche Chancen verzichtet haben. Genau in diesen Fällen appelliert er an Moral und Verantwortung der Männer. "Das Recht", philosophiert der Jurist, "ist nur eine Seite."

Der Streit, um den es geht, ist alt und zeigt ein Grundproblem der Gesellschaft: Wie ist so genannte Hausfrauentätigkeit und Kindererziehung ökonomisch zu bewerten? Eine Tätigkeit, für es weder einen Verdienst gibt, noch Sozialabgaben geleistet werden oder eine Altersvorsorge erfolgen kann. Das System funktioniert, so lange die Familie intakt ist. Bricht eine Ehe auseinander, zeigt sich das Ungleichgewicht in der finanziellen Absicherung - für die es laut Gesetz einen Ausgleich durch Unterhalt und Rentenansprüche gibt.

Borth ist einverstanden, wenn es darum geht, Abhängigkeiten in Partnerschaften zu reduzieren. Es geht ihm nicht darum, gut zu heißen, wenn geschiedene Frauen ab 45 auf die Rente warten. "Es muss ein Anreiz geben, ins aktive Leben zurückzukehren." Doch manches, was die Politik vorschlägt, geht an der ökonomischen Realität vorbei. Nach den neuen Gesetzesplänen sollen sich Mütter nach der Scheidung früher eine Beschäftigung suchen müssen. Ein Vorschlag, der besonders zurzeit häufig an hoher Arbeitslosigkeit scheitert. "Die Rückkehr an den Arbeitsplatz funktioniert nur, wenn auch ein Arbeitsmarkt da ist", sagt Borth.

Nacheheliche Solidarität ist ein Begriff, der dem Richter am Herzen liegt. Er hält nicht viel davon, dass sich Begüterte frei kaufen können aus ihrer Verantwortung. Seiner Erfahrung nach sind es gerade die gut Betuchten, die am Schlimmsten streiten. Die Aktenberge von Scheidungen werden weiter wachsen und damit ein Problem der Familienrichter: "Zeit für Einzelgerechtigkeit bleibt oft nicht."