Was ein Prozent Sehstärke bedeutet

Hilfsmittelausstellung für Sehbehinderte und Blinde in der Heilbronner AOK

Von Franziska Feinäugle

 

Ein Prozent Sehstärke auf beiden Augen. Nur ein Hundertstel dessen sehen können, was Menschen mit gesunden Augen sehen. Was verbirgt sich hinter diesen Zahlen?Die Heilbronnerin Bettina Blau sagt es einem ins Gesicht, das sie nicht sieht. "Ich sehe nur schemenhaft, nur hell, dunkel", beschreibt die Gründerin der Heilbronner Regionalgruppe "Pro Retina", einer Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen, was der so genannte "Tunnelblick" ihr an Sehkraft noch übrig gelassen hat. "Ich sehe, dass Sie einen hellen Kragen haben, aber ich kann nicht erkennen, ob das eine Jacke oder eine Bluse ist. Ihr Pullover könnte bordeauxrot sein, vielleicht ist er aber auch blau oder schwarz." Und dann sagt die Frau mit den unauffälligen Augen und der ganz normal aussehenden Brille: "Ich sehe auch Ihr Gesicht nicht. Ich spreche ins Leere."

Beim Gehen führt sie einen Blinden-Langstock mit fegenden Bewegungen über dem Boden vor sich her, und sie sagt, "ich lasse mich nicht unterkriegen". Weil das so ist, gibt es seit inzwischen 20 Jahren die Pro-Retina-Regionalgruppe Heilbronn. Die damals 28-Jährige hat sie "aus der eigenen Not heraus" gegründet, um für andere Menschen da zu sein. So, wie für sie niemand da gewesen ist in ihrer Kindheit und Jugend.

Drei Jahre ist sie alt, als ihre Eltern vom Arzt erfahren, dass die Tochter die Augenkrankheit vom Vater geerbt hat. Die Eltern tun so, als ob nichts sei. In der Schule kann das Mädchen nicht erkennen, was an der Tafel steht, im Atlas nicht nachvollziehen, wo ein Fluss eingezeichnet sein soll. Die Lehrer glauben ihr nicht, weil die Eltern nicht hinter ihr stehen. Erst als sie mit 19 Jahren den für den Führerschein notwendigen Sehtest macht, bekommt die Heilbronnerin klipp und klar gesagt: "Sie werden genau so blind wie Ihr Vater."

Der 23-jährige Marcel Franke ist schon blind auf die Welt gekommen. "Vollblind", sagt er, denn er sieht auch kein Hell-Dunkel und keine Schatten. Er ist beruflich in die Heilbronner AOK gekommen an diesem Samstag: Bei der von "Pro Retina" veranstalteten Hilfsmittelausstellung für sehbehinderte und blinde Menschen stellt er Produkte seines Arbeitgebers vor, der Firma "Viersinn", einem Versandunternehmen im oberschwäbischen Altshausen. "Es ist 13 Uhr und 21 Minuten", sagt seine Armbanduhr, als er das Knöpfchen "Talking" betätigt. Vor sich auf dem Tisch hat er eine sprechende Waage stehen: "Hallo" begrüßt sie jeden, der sich auf sie stellt; wenige Sekunden später bekommt man sein Körpergewicht zu hören.

Wenn er nicht auf Außenterminen ist, arbeitet Marcel Franke ganz normal am Computer: Was wo auf der Tastatur ist, hat er im Kopf - auf dieselbe Art, wie Sekretärinnen "blind" tippen können müssen.