Ein Spaziergang durch Heilbronn um 1800

So sah die Stadt einmal aus: Für die Cluss-Ausstellung zaubert moderne Technik ein Stadtbild vom alten Heilbronn

Von Gertrud Schubert

Ein Spaziergang durch Heilbronn um 1800

Kutschfahrt durch Heilbronn um 1800. Eine Minikamera hat im Stadtmodell den Blick auf den Marktplatz eingefangen. Per Knopfdruck lassen sich die Zeiten vergleichen. (Foto: Dirks)

Ihre Augen sprühen vor Begeisterung. Beim Stationen-Weg, der wöchentlichen Einstimmung von Volkshochschule und Stadtarchiv auf das große Cluss-Ausstellungsprojekt, entführen Peter Wanner, Professor Christhard Schrenk und Werner Föll ihre Zuhörer dieses Mal in die Zukunft der Stadtgeschichte: Wie das 19. Jahrhundert aus Cluss-gegebenem Anlass neu konzipiert im Stadtarchiv präsentiert wird.

Dass die didaktische Krönung der Geschichtsausstellung im Stadtarchiv, eben jener virtuelle Stadtspaziergang durch Heilbronn, auch in Washington (natürlich auf Englisch) zu sehen sein wird, ist selbstverständlich. Die Ausstellungsbesucher hier wie dort sollen ein ungefähres Gefühl dafür bekommen, welch städtische Enge, was für Häuserfluchten und gigantische Kirchen das Weltbild des kleinen Adolf Cluss prägten, der später der große Baumeister der amerikanischen Hauptstadt werden sollte.

Technik macht's möglich. Und der Fleiß von Karl und Emma Weingand, die vor Jahr und Tag in mühseliger Recherche und Bastelarbeit Heilbronn um 1800 als papiernes Modell rekonstruierten. Sie wollten den Heilbronner plastisch vor Augen führen, wie schön ihre Stadt einmal war. Doch die Vogelperspektive übers Große und Ganze ist noch kein Stadtspaziergang. Da musste erst der Filmemacher Hajo Baumgärtner kommen, die riesige Glaswand rund ums Modell abmontieren, ein Gestell über der Ministadt aufbauen und dann tagelang eine Minikamera durch die alten Gassen führen.

Die bewegten Bilder sind jetzt Basis für den Stadtspaziergang, das heißt für eine gemächliche Kutschfahrt eines Paares durch Heilbronn - er mit Stock und Zeitung in der Hand, sie wedelt permanent mit einem Taschentüchlein. So ruckeln die beiden durch die Gassen und über den Kiliansplatz und werfen von der Allee aus einen Blick auf die geschlossene Stadtmauer und das dahinter liegende Häusermeer.

Auf einer Touchscreen, also indem sie auf einen Bildschirm tippen, können sich die Ausstellungsbesucher mit den beiden durch die an die Wand projizierte Stadt bewegen - und staunen. Doch nicht nur das. Speziell für die Heilbronner ist ja die Veränderung der Stadt hochspannend. Deshalb gibt es vier Zeitschnitte zum Vergleichen: der Film "von" 1800, Bilder von 1850, 1925 und heute. Zum Beispiel: die überdachte Neckarbrücke und die neue Neckarbrücke, nachdem der Prachtboulevard Kaiserstraße durch die engstehenden Häuser geschlagen worden war und das Brückenambiente heute samt Theaterschiff, C&A, Trauerweiden, Neckarturm.

Der virtuelle Stadtspaziergang ist natürlich längst nicht alles in der neuen Ausstellung zur Stadtgeschichte im 19. Jahrhundert. Zeitgenössische Biographien (von Rauch, Knorr, Reiner, Widmann und andere) veranschaulichen die Entwicklung der Stadt zwischen Reichstadtzeit und Kaiserreich.