Wie großstädtisch ist Heilbronn tatsächlich?

"Heilbronn muss raus dem Schattendasein“, betont Matthias Müller. Im Gespräch mit Kilian Krauth nennt der Regionalvorsitzende des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Heilbronn-Franken alte und neue Gebäude mit Strahlkraft: im Negativen wie im Positiven - Müller: ECE darf nicht zum Maßstab fürs Stadtbild werden

BDA-Chef Matthias Müller betrachtet Heilbronn als eine große Baustelle: „Diese Stadt muss ihre Chancen besser nutzen.“Foto: Archiv/Scheffler

"Heilbronn muss raus dem Schattendasein“, betont Matthias Müller. Im Gespräch mit Kilian Krauth nennt der Regionalvorsitzende des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Heilbronn-Franken alte und neue Gebäude mit Strahlkraft: im Negativen wie im Positiven. Mit der „Auszeichnung Guter Bauten“ will der BDA gelungene Beispiele besonders hervorheben.

Hat das ECE einen Preis verdient?

Matthias Müller: Das möchte ich der Jury überlassen.

Und was sagen Sie als Privatmann?

Müller: Das Gebilde ist städtebaulich ein Fremdkörper. Es sprengt jede Maßstäblichkeit.

Gibt es ein gelungenes Gegenbeispiel?

Müller: Nehmen wir den Käthchenhof. Auch nach 25 Jahren fügt er sich mit Material, Struktur und Fassade in die historische Umgebung ein.

Und der Klosterhof?

Müller: Die geplante Sandsteinfassade verkörpert eine geglückte Mischung aus Heilbronner Bautradition und Moderne.

Dies versuchte auch die Planerin des neuen Kiliansplatzes.

Müller: Mag sein. Aber man kann einen Platz, der in seiner Grundgestalt ja nach wie vor gut ist, nach 20 Jahren nicht völlig umkrempeln. Wo bleibt denn da die Nachhaltigkeit? Eine der ersten Bauherrenpflichten ist es, sein Sach’ in Stand zu halten und den Bedürfnissen gemäß weiter zu entwickeln – wie es etwa der Kreissparkasse oder dem Modehaus Palm vorbildlich gelungen ist.

Wie wird die Innenstadt in zwei Generationen aussehen?

Müller: Heilbronn kann auf Dauer kein Konglomerat an Sonderbauformen bleiben. Ich wünsche der Stadt, dass nicht das ECE neue Maßstäbe setzt, sondern eher die großstädtische Achse vom Hauptbahnhof zur Harmonie. Hier herrscht ein spannendes Nebeneinander von Alt und Neu. Bleibt zu hoffen, dass die positiven Beispiele weiter auf die Nachbarschaft ausstrahlen, wie etwa die tolle Qualität der Harmonie auf die Weiterentwicklung der Allee.

...und dass die Harmonie zu einem richtigen Kongresszentrum wird.

Müller: Das Hotel am Stadtgarten ist überfällig. Es birgt nicht nur städtebauliche Chancen. Eine Stadt muss auf vielen Beinen stehen. Große Kaufhäuser gibt es jetzt genug, nun müssen kleine gepflegt werden. Wir brauchen Sanierungsprogramme für die Innenstadt, wo Wohnen und Arbeiten wieder zusammen geführt und junge Familien angelockt werden, sonst blutet die City aus.

Apropos Wohnen. Am Schweinsberg bauen Sie gerade ein Einfamilienhaus, das durch seine futuristische Gestalt und mit 2500 Quadratmetern Fläche auch neue Maßstäbe setzt.

Müller: Endlich traut sich mal ein wohlhabender Bürger eine richtige Villa zu bauen – und knüpft damit an eine große Bautradition im einst noblen Heilbronner Osten an. Eine Stadt muss Wohnformen, respektive Bauplätze, für alle Bevölkerungsschichten anbieten, sonst ziehen uns die Reichen weg.

Passt die Villa in die Umgebung?

Müller: Nein. Das zu behaupten, wäre vermessen. Wir halten uns zwar an den Bebauungsplan, aber im Grunde handelt es sich um eine architektonische Skulptur, die auf dem besten Weg zur Attraktion ist. So etwas tut dieser Stadt gut. Die Frage ist doch: Wie großstädtisch ist Heilbronn tatsächlich? Da bauen wir ein ECE und ein Science Center und in den Wohngebieten bleiben wir Krämerseelen. Diese Stadt muss raus aus ihrem Schattendasein.