Vom Umsatzbringer zum Sorgenkind

Heilbronn - Bei seiner Eröffnung wird das Wollhaus in der Heilbronner Innenstadt als stadtplanerischer Wurf gefeiert. Das war 1975. Inzwischen ist die Euphorie verklungen. Heutzutage steht das Wollhaus für hässliche Betonarchitektur.

Von unserer Redakteurin Bärbel Kistner

Heilbronn - "Das Wollhaus-Zentrum ist eine gelungene Anlage, um die man Heilbronn in ganz Europa beneidet", zitiert die Heilbronner Stimme den damaligen Kaufhof-Geschäftsführer Herbert Scho zur Eröffnung des Einkaufszentrums im Oktober 1975. Der gesamte Einzelhandel der Stadt werde davon profitieren. Mehrheitlich wird das 70-Millionen-Mark Objekt als stadtplanerischer Wurf gefeiert.

Heilbronn als Einzelhandelsstandort wettbewerbsfähig zu halten. Das ist ein wichtiges Ziel, das sich die Stadt Anfang der 70er Jahre zur Aufgabe gemacht hat. Zur Erinnerung: Das Ludwigsburger Breuningerland wird 1973 als eines der ersten großen Center auf der grünen Wiese eröffnet. Heilbronn muss dringend auf die neue Konkurrenz reagieren.

Einhellig bejubelt

Vom Umsatzbringer zum Sorgenkind
Später oft bedauert wurde die Sprengung des im Jugenstil erbauten Hallenbads im Jahre 1972. Foto: Archiv/Eisenmenger
Der Gemeinderat schnürt vor rund 40 Jahren ein umfangreiches Maßnahmenbündel. Sogar zwei neue Einkaufszentren sollen gebaut werden, das geplante am Berliner Platz wird seinerzeit jedoch nicht realisiert. Auf dem Plan stehen Fußgängerzonen in Fleiner und Sülmerstraße, sechs Allee-Unterführungen und fünf Parkgaragen.

Die Investition am Wollhaus wird, anders als später bei der Stadtgalerie, fast einhellig bejubelt. Gut 50.000 Menschen strömen am Eröffnungstag in das mit Spannung erwartete Center. 31 Fachgeschäfte hat die 5000 Quadratmeter große Passage, die Kaufhof-Filiale 10.000 Quadratmeter.

Die ersten Kunden sind euphorisch, wie die Zitate in der Heilbronner Stimme zeigen: "Das Beste, was es je gegeben hat." "Man kann so schön einkaufen." "Eine Bereicherung." "Prima. Hätte schon bälder kommen müssen." "Ganz klasse. Für Heilbronn das Richtige." "Einmalig! Dafür musste man früher nach Stuttgart, Mannheim oder Heidelberg fahren."

Erwartungen erfüllt

Die Erwartungen scheinen sich zu erfüllen. Der neue Kaufhof rechnet mit 75 Millionen Mark Jahresumsatz, die Ladenpassage zwischen 20 und 30 Millionen Mark − eine beträchtliche Summe. Denn der gesamte Heilbronner Einzelhandel setzt 1974 rund 810 Millionen Mark um. Vier Wochen nach der Eröffnung stellt die Werbe- und Parkgemeinschaft bereits fest, dass mehr Kaufkraft nach Heilbronn geflossen sein muss, denn die angestammten Händler hätten keine Umsatzeinbußen zu verzeichnen.

Ein Jahr später bestätigt die Industrie- und Handelskammer, dass Heilbronn sein Einzugsgebiet erweitert habe. Zum 20. Geburtstag des Centers im Jahr 1995 ist der damalige Oberbürgermeister Dr. Manfred Weinmann hochzufrieden: Die großen Erwartungen seien voll und ganz erfüllt worden.

Die Euphorie ist verflogen

Vom Umsatzbringer zum Sorgenkind
Der Lack ist längst ab: Das Wollhaus steht heute für hässliche Betonarchitektur der 70er Jahre.Foto: Archiv/Veigel
Zum 30. Geburtstag des Wollhaus 2005 ist die Euphorie verklungen. Das Wollhaus steht für hässliche Betonarchitektur. In der Ladenpassage leidet der Branchenmix. Einige Fachgeschäfte und Fachmärkte schließen, mit dem Drogeriemarkt dm verliert das Center 2008 einen wichtigen Ankermieter an die Stadtgalerie. Angekündigte Investitionen bleiben aus.

Die heutige Kundschaft ist nicht zimperlich in ihrem Urteil über das Wollhaus, wie die Kommentare im sozialen Netzwerk Facebook zu Kaufhof-Schließung zeigen. Viele Nutzer nehmen in ihren Forderungen vorweg, was bald Realität werden könnte: "Endlich abreißen und was Schöneres hinstellen."