Verlorene Liebe: Die Suche hat ein glückliches Ende

Heilbronn - Helga und Greg, der amerikanische Soldat und die ehemalige Wienerwald-Bedienung haben sich nach 44 Jahren wieder gefunden. Seit einigen Tagen wandern E-Mails von Bayern ins südkalifornische La Verne.

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Heilbronn - Es war 1969. Ein amerikanischer Soldat, stationiert in den Badenerhof-Kasernen, lässt seine große Liebe zurück in Heilbronn. 44 Jahre später sucht er sie mit einer Kleinanzeige in der Heilbronner Stimme.
 
Wir, die stimme.de-Redaktion, werden auf die Anzeige aufmerksam und nehmen Kontakt mit Gregory Ryman auf. Von seiner Geschichte sind wir so ergriffen, dass wir beschließen, ihn bei seiner Suche zu begleiten. In diesem Blog dokumentieren wir die Geschehnisse.
 
In unserer Tageszeitung Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung/Kraichgau Stimme (Ausgabe 13. Mai 2013) berichten wir außerdem auf einer Sonderseite über diese Liebesgeschichte. 
 

 

 2013: Gregory Ryman in einem Restaurant im südkalifornischen La Verne und Helga Hornung in ihrem Atelier im bayerischen Ottobeuren.

 

1944:  Gregory Ryman als Soldat in den Badener Hof-Kasernen und Helga Hornung am Heilbronner Friedensplatz.

 



 

FR, 10.5., 11.53 Uhr

 

Helga und Greg, der amerikanische Soldat und die ehemalige Wienerwald-Bedienung haben sich wieder gefunden. Seit einigen Tagen wandern E-Mails von Bayern in Gregs südkalifornische Heimat La Verne. Greg hat viele Fragen, Helga muss die unerwartete Nachrichten erst verkraften.
 
Da Greg mit der Geschichte an die Öffentlichkeit ging, hat sich Helga ebenfalls entschlossen, die Öffentlichkeit zu informieren. „Ich möchte die Geschichte abschließen“, sagte sie. Helga Hornung lebt in mit ihrem Partner in einer Atelierswohnung in Ottobeuren im Allgäu. Seit 35 Jahren arbeitet sie als Künstlerin, hat Kinderbilderbücher veröffentlicht (www.helga-hornung.de). „Eins meiner Bücher hat sich bereits mehr als 10.000 Mal verkauft.“ 
 
Sie ist mit Leib und Seele Künstlerin und kam durch ihren Lebensgefährten, mit dem sie seit 30 Jahren zusammen lebt, zur Kunst. All das möchte sie nicht mehr aufgeben. Im Moment erscheint es ihr unmöglich, Greg in den USA zu treffen „Mit Gregory möchte ich weiterhin eine Mail-Freundschaft haben, denn er ist ein wunderbarer Mensch.“
 
 


 

MI, 8.5., 12.43 Uhr

Ich kann nicht glauben, dass ihr Helga gefunden habt. Ich bin so glücklich, dass sie glücklich ist, teilt uns Greg in einer E-Mail mit.

Zwischen diesen beiden Fotos von Greg liegen 44 Jahre. 

 


 

MI, 8.5., 11.23 Uhr

 

Die Spannung steigt und zugegeben, wir sind ein kleines bisschen nervös. Wir werden jetzt versuchen, die Frau, die wir seit zehn Tagen suchen, telefonisch zu erreichen. 
 
Nach dem dritten Klingelton nimmt sie ab. Wir erleben in den folgenden rund 30 Minuten eine Frau, die von ihren Gefühlen überwältigt ist. „Mir wird ganz warm ums Herz. Das ist ein bisschen wie ein Wunder. Ich bin hin- und hergerissen.“
 
Auch für sie war Greg die erste große Liebe, erklärt sie uns. Nachdem sie sich 1969 am Heilbronner Hauptbahnhof das letzte Mal umarmt hatten, kam für Helga eine schwierige Zeit. „Das war sehr schmerzhaft. Ich war lange Zeit sehr traurig“, fährt sie fort. Noch immer empfinde sie eine tiefe Verbindung. „Das macht was mit mir“, gibt sie zu. 
 
Es sei was Großes gewesen mit Greg. Sie sei damals bereit gewesen, mit ihm in die USA zu ziehen. Jung und verträumt war sie damals. „Der Greg hat mir damals schon gefallen.“
 
Doch auch für Helga ging die Zeit des Trauerns irgendwann vorbei. Die jetzt 66-Jährige fand eine neue Liebe. Seit 30 Jahren lebt sie in einer festen Partnerschaft. „Ich kann mein jetziges Leben nicht über den Haufen werfen und möchte auch kein anderes Leben leben“, sagt sie.
 
Heute arbeitet Helga erfolgreich als freischaffende Künstlerin, hat Bücher geschrieben und sehr viele Bilder gemalt. Dass Greg sie nicht wie versprochen in die USA holte, hat sie ihm längst verziehen. „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass es ihm gutgeht.“
 
 
In diesem Haus im südkalifornischen La Verne lebt Greg heute.
 
 


 

DI, 7.5., 15.05 Uhr

Endlich der ersehnte Anruf des Einwohnermeldeamts. Wir lagen mit unseren Recherchen richtig. Helga Veronika H. ist gefunden. Die Rathaus-Mitarbeiterin in einem bayrischen Ort, in dem Helga gemeldet ist, hat ihr bereits von unseren Recherchen erzählt.

Helga ist einverstanden, dass das Rathaus ihre Kontaktdaten an uns weiterleiten darf.  

 



 

DI, 7.5., 02.20 Uhr

Es ist 2 Uhr morgens in Deutschland. Im südkalifornischen La Verne 19 Uhr. Wir starten unsere erste Video-Konferenz mit Greg. Gleich der erste Versuch gelingt. Wir sehen ihn mit Glatze, Brille und weißem Schnauzbart. Seine Stimme klingt sympathisch, er wirkt cool. Ob's an der kalifornische Mentalität liegt?
 
Wir erzählen ihm, dass wir bei unseren Recherchen vorankommen. Wir stehen kurz davor, Helga zu finden. Er kann es nicht glauben. Wir warten nur noch auf einen Anruf eines Einwohnermeldeamts, erklären wir ihm. 
 
Immer wieder bedankt er sich bei uns. Auch für den Blog, den er sich von Andrea übersetzen lässt.
 
Für die Anzeigen in der Heilbronner Stimme und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung musste er insgesamt 600 Dollar bezahlen.
 
Mit dem Computer auf dem Arm zeigt er uns seine Wohnung. Auf dem Sideboard stehen Bilder seiner Familie. Und ein Foto von Helga aus früheren Jahren. Sie steht ganz nah bei denen, die Greg am Nächsten sind. Greg betont noch einmal, dass er Helga um Verzeihung bittet. Dafür, dass er sein Versprechen, sie in die USA zu holen, 1969 nicht eingehalten hatte.
 

 



 

MO, 6.5., 15.53 Uhr

Eine Frau meldete sich heute bei uns. Sie gibt vor, eine Freundin von Gregs Schwester zu sein. Sie habe sich ebenfalls auf die Suche nach Helga gemacht und bereits mit ihr gesprochen. Die Frau teilte uns mit, dass damals Gregs Mutter einen Brief an Helga geschrieben hatte. Darin soll gestanden haben, dass Greg schwer krank sei.

 
Noch am selben Abend schreibt uns Greg von dieser Frau. Sie habe angeboten, ihm die Adresse von Helga mitzuteilen. Natürlich gegen eine Zahlung von mehreren hundert Euro.

 


 

DO, 2.5., 17.03 Uhr
 
Fast glaubten wir, Helga Veronika H. gefunden zu haben. Wir bekamen einen Hinweis, dass eine Frau mit diesem Namen in einer fränkischen Gemeinde leben soll. Als wir uns vor Ort informierten, erhielten wir die Antwort, dass diese  Helga Veronika H. bereits verstorben ist. Sie wurde 90 Jahre alt.
 
Damit war klar, dies war eine falsche Spur. Unsere gesuchte Helga Veronika H. muss etwa 20 Jahre jünger sein.
 
 


 

DO, 2.5., 15.38 Uhr
 
Greg teilte uns die Mobilnummer seiner Kontaktperson Angelika S. in Deutschland mit. Nur durch einen Zufall haben er und sie zusammengefunden. Sie trafen sich, als sie in La Verne zu Besuch beim Sohn ihres Mannes war. Greg trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Daimler-Chrysler“. Da sie ebenfalls bei Daimler arbeitet, sprach sie Greg an. Seither hat sich eine Bekanntschaft entwickelt.
 
 
Angelika S. half Greg beim Verfassen der Anzeige. Sie ist sein Kontakt in Deutschland. „Sie übersetzte mir die beiden letzten Briefe von Helga. Sie waren voller Liebe. Helga konnte nicht verstehen, wie ich mein Versprechen brechen konnte“, schreibt uns Greg.
 
Wir erfahren auch, dass Greg bis 2011 verheiratet war. Seine Frau ist an Krebs gestorben. „Dass ich meine Frau nicht vorm Krebs schützen konnte und dass ich Helga verlassen habe, sind die beiden größten Fehler meines Lebens“, schreibt er.
 
 


 

DO, 2.5., 10.58 Uhr
 
Heute haben wir erfahren: Die Suchanzeige von Gregory Ryman erschien nicht nur in der Heilbronner Stimme (siehe Eintrag vom 27.04.). Um seine erste große Liebe zu finden, setzte er auch auf eine überregionale Zeitung und schaltete die Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
 
Drei Frauen meldeten sich mit einem Brief und wollten Greg unbedingt kennenlernen. Helga war nicht dabei. 
 
 
 
 


 

MI, 1.5., 18.58 Uhr
 
Greg hat unseren Weblog gesehen. Er ist fasziniert und hofft, dadurch vielleicht Helga wiederzufinden.
In den ersten zwei Monaten nach seiner Rückkehr in die USA im Februar 1969, hat er 21 Briefe von Helga erhalten. „Ich weiß nicht mehr, wie viel ich an sie geschrieben habe.“ Doch die Briefe von Helga hat er alle aufbewahrt.
 
 
Warum sucht ein Mann nach 44 Jahren seine große Liebe? Was war in der Zeit dazwischen? Greg schreibt uns, dass er erst nach fünf Jahren nach seiner Rückkehr neu verlieben konnte. Aber es brachte nichts. 1974 dann lernte er eine Frau kennen, mit der bis 2009 verheiratet war. In diesem Jahr starb sie. 
 
Auch während seiner Ehe erinnerte er sich immer wieder an die Worte, die ihm sein Vater und sein Großvater gelehrt haben. „Sie erklärten mir, immer sein Wort zu halten. Jetzt nach 44 Jahren kann ich sagen, dass ich keinen anderen Menschen mehr absichtlich verletzt habe.“
 
Aber wie sehr hatte er Helga verletzt?
 
 
 

 

DI, 30.4., 17.03 Uhr
 
Über seine Zeit in Heilbronn gerät Greg ins Schwärmen. „Ich hätte nie erwartet, dass die Deutschen so nett sind.“ Er sei immer noch verwundert, wie die Deutschen gegenüber dem ausländischen Militär so entgegenkommend sein können.
 
Doch seine Helga kann er nicht vergessen. „Wenn man mich heute fragt, ob ich Helga vor 44 Jahren liebte, ist die Antwort ja.“ Wir wollen wissen, warum er die Liebe seines Lebens verlassen konnte? Für uns in der Redaktion ist es heute unbegreiflich.
 
Im Februar 1969 verließ er Deutschland. Helga begleitete ihn zum Heilbronner Hauptbahnhof. Es sei ein sehr emotionaler Moment für ihn gewesen. „Wir umarmten und küssten uns. „Ich kann mich noch genau erinnern, was sie anhatte. Ich sehe ihr Gesicht auch nach 44 Jahren vor mir.“ Dann die Trennung.
 
Helga ging zurück in die Stadt, Greg fuhr zum Flughafen nach Frankfurt und stieg ins Flugzeug Richtung Heimat. Zurück in den USA, bekam er keinen Job. Die meisten Firmen wollten keine Ex-Soldaten einstellen. Es sei eine schwierige Zeit gewesen.
 
„Ende 1969 musste ich einsehen, dass ich Helga nicht in die USA holen kann“ schreibt Greg. Ohne Job und ohne Perspektive - es ging einfach nicht.  
 
 
Anmerkung der Redaktion: Das Foto zeigt den Heilbronner Hauptbahnhof um das Jahr 1960.
 
 
 
 

 

DI, 30.4., 14.20 Uhr
 
Es gibt eine neue Spur von Gregs großer Liebe Helga. Die letzte ihm bekannte Adresse von Helga ist ein Eiscafé in Westerland auf Sylt. "Carina" soll das Café heißen. Vielleicht hat sie dort gearbeitet?
 
Wir schöpfen Hoffnung und setzen uns mit der dortigen Stadtverwaltung in Verbindung. Das Einwohnermeldeamt hat leider schlechte Nachrichten: eine Helga Veronica H. war niemals in Westerland gemeldet. Auch das Amt für Gewerbe und Veranstaltung bringt uns erst Mal nicht weiter. Ein Eiscafé mit dem Namen "Carina" kennt man dort nicht.  Man verspricht uns aber, den Hinweisen nachzugehen. 
 
Gleichzeitig versuchen wir, über die Heilbronner Stadtverwaltung herauszufinden, wo Helga Veronica H. heute leben könnte. Auch das Heilbronner Rathaus will versuchen, uns zu helfen.  
 
 
 

 

DI, 30.4., 12.46 Uhr
 
Und hier lebt Gregory Ryman heute: im südkalifornischen La Verne.
 


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DI, 30.4., 12.36 Uhr
 
Und noch ein Foto. Danke Greg! Hier ist er in Uniform während seiner Zeit als Soldat in Heilbronn zu sehen. 
 
 
 
 

 

DI, 30.4., 11.51 Uhr
 
Wir wollen endlich wissen: Wer ist dieser Greg? Wie sieht er aus? Gibt es Bilder aus der Zeit in Heilbronn. Und ja, er schickt uns Fotos. Er selbst bezeichnet sich als der schlechteste Fotograf der Welt. Trotzdem: die Bilder geben einen ersten Eindruck über das amerikanisch-deutsche Liebespaar. 
 
 
 
 
 

 

DI, 30.4., 10.30 Uhr

Wieder eine Mail von Greg. Er schwelgt in Erinnerungen. Das Heilbronn der 1960er-Jahre. Er schreibt, wie vorsichtig er und Helga sich näher kamen. Vor allem, weil amerikanische Soldaten nicht den besten Ruf in der Stadt hatten. „Am Anfang war die Verständigung schwierig. Doch die beiden Bedienungen lächelten uns immerzu an und waren sehr aufmerksam.“

Greg schreibt von Spaziergängen im verschneiten Heilbronner Winter 1968. Er erzählt immerzu von seiner Heimat in Kalifornien. „Sie war fasziniert von meinen Geschichten über Kalifornien und mein Leben in den USA. Ihr Leben in Deutschland war nicht annähernd so gut.“ Bei einem dieser Spaziergänge passierte es. Die beiden verliebten sich ineinander. „Die Liebe war echt, leidenschaftlich und fürsorglich - alles zur selben Zeit.“

Anmerkung der Redaktion: Alt und Jung zieht es im Winter 1967/68 in die weiße Landschaft der Heilbronner Weinberge.

 
 
 

 

MO, 29.4., 16.30 Uhr

In einer weiteren Mail schreibt Ryman, dass er in der Zeit, als er als Soldat in Heilbronn stationiert war, seinen geringen Sold vor allem für deutsches Essen und deutsches Bier ausgab. Mit seinen Kameraden habe er im August 1968 regelmäßig den Wienerwald in der Moltkestraße besucht.
 
Den jungen Soldaten fallen dabei zwei hübsche Kellnerinnen auf. „Eine hieß Monika, die andere Helga. Die beiden arbeiteten noch mehr als wir Soldaten“, führt er weiter fort. Trotz der anfänglichen Sprachprobleme habe sich ein Flirt entwickelt. Wie sich herausstellte, wohnten beide in Wohnungen über dem Wienerwald.
 


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Anmerkung der Redaktion: Wienerwald ist seit 1961 in Heilbronn ein Begriff. Mitte 1961 wird in der Bahnhofstraße 6 die erste „Wienerwald-Brathendl-Station“ eröffnet. Anfang 1968 folgt das zweite Restaurant im Erdgeschoss eines dreigeschossigen Neubaus in der Moltkestraße 48 mit 140 gemütlichen Sitzplätzen. Seit Mitte der 1980er existiert die Gaststätte in der Bahnhofstraße 6 nicht mehr.

 

 


 

MO, 29.4., 10 Uhr

Gregory Ryman meldet sich bei uns. Spannend. Er antwortet per E-Mail.  Darin schreibt er, dass er im Oktober 1967 als Soldat der US-Streitkräfte nach Heilbronn kam. Stationiert sei er in den Badener Hof-Kasernen (siehe Foto) gewesen. 
 
Und er schreibt von einer Angelika. Seiner jetzigen Kontaktperson in Deutschland. Wer Angelika ist, wissen wir noch nicht. Das gilt es jetzt herauszufinden. Und warum er seine große Liebe Helga Veronica H. verlassen hatte.
 
 
 


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Anmerkung der Redaktion:  Zwischen 1952 und 1992 waren amerikanische Truppen in der Badener Hof-Kaserne (früher Ludendorff-Kaserne) stationiert. 1994 entstand das Wohngebiet Badener Hof auf dem Areal. 2000 erhielt der Badener Hof als eine von bundesweit sechs Kommunen das LBS-Wappen „Wohnen auf Brachen“.  
 
 
 
 
 
 

 

SA, 27.4.

Das ist die Anzeige in der Samstagausgabe der Heilbronner Stimme. Seit Wochen sucht Gregory Ryman nach Helga Veronica H. Seine große Liebe. Wir wollen unbedingt wissen, was vor 44 Jahren passiert ist. Mit einer E-Mail versuchen wir, Kontakt zum Verfasser der Chiffre-Anzeige aufzunehmen. 

 

 

 

 

 


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