Totentanz - erschreckend authentisch

Dezember 1944 Raphael Seitz widmet seiner Heimatstadt einen Bilderzyklus

Von Kilian Krauth

Totentanz - erschreckend authentisch
Der Künstler Raphael Seitz übermalte großformatige Fotos seiner Heimatstadt. Die historischen Motive gleichen Dokumenten des 4. Dezember 1944.

Foto: Ulrike Kugler

Als näherten wir uns mit den Augen eines Bomberpiloten am 4. Dezember 1944 der Stadt. Der Blick fällt auf die Rathausfront. Es regnet Asche. Hie und da ragt ein Dach aus dem Inferno. Über den Marktplatz huschen Schatten. Menschen scheinen sich zu drehen, zu ducken, im Funkenflug, in Trance.

„Totentanz Heilbronn“ nannte Raphael Seitz dieses Bild, als er es in der Nacht zum 1. September 1999, dem Antikriegstag, fertig gestellt hatte. Gestern, am 62. Jahrestag der Zerstörung des alten Heilbronn, stellte der einheimische Glaskünstler im Rathaus einen Kunstband unter dem Titel „Totentanz Heilbronn“ vor. Das eingangs beschriebene Bild, Seitz nennt es heute „Reigen“, bildet darin den Auftakt zu einem Zyklus von sieben erschreckend authentisch wirkenden Bildern zum 4. Dezember 1944. Das Hauptmotiv hing zunächst in einem Rathausflur, andere waren vor zwei Jahren in den städtischen Museen im Deutschhof zu sehen. „Manchen Besuchern standen beim Betrachten die Tränen in den Augen“, erinnert sich der 49-jährige. Auch ihn habe die Arbeit „seltsam berührt“.

Leichentücher Grundlage bilden bis zu 2,30 Meter hohe und 3,30 Meter breite historische Heilbronn-Fotografien, die Seitz Ende der 90er Jahre hinter Staub und Spinnweben in einer Bauhof-Baracke an der Achtungstraße entdeckt hatte. Das Barytpapier hat der Künstler mit Acrylfarben, Kohle und Farbstiften, mit Spachtel, Pinsel und mit bloßen Fingern so bearbeitet, dass beim Betrachter der Eindruck entsteht, es handle sich tatsächlich um Dokumente des 4. Dezember 1944. Ein Vergleich mit den Bildern des 11. September 2001 liegt nahe.

Im Bild „Morgen“ entdecken wir Robert Mayers Geburtshaus: zwischen Sonne und Finsternis. „Hitze“ zeigt das Barbarino-Eck, den Hafenmarktturm, die Spatzenschaukel. „Licht“ nennt Seitz das Abendbild einer Gasse mit Fachwerkhäusern, durch die eine große Wolke fegt. „Ruhe“ zeigt den Marktplatz - mit aufgebahrten Toten. In „Wolke“ öffnet sich der Himmel. Im Bild „Asche“ scheinen von den Häusergiebeln schwarze Leichentücher zu wehen.

„Mit seiner bildnerischen Umsetzung jener Ereignisse liefert Raphael Seitz einen bedeutenden Beitrag zur Diskussion um die Identität unserer Stadt.“ So würdigt Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach im Vorwort des Buches, das ab heute für 18 Euro im Handel ist, den Zyklus.

Hoffnungsschimmer Ausführlich und anschaulich beschreibt Andreas Sommer, Kulturchef der Heilbronner Stimme, das Werk, den Künstler, den Menschen. „Raphael Seitz prangert nicht an, sondern versucht ohne Effekthascherei diese Ausnahmesituation der Stadt in Bilder zu fassen.“ Im Geiste des christlichen Künstlers entdeckt Sommer Hoffnungsschimmer: „Überlebende, die über Leichen steigen, in abgrundtiefer Verzweiflung noch Hoffnung haben.“ Sommer charakterisiert auch den Heilbronner Seitz: den Wengerterspross, den Katholiken, den ehemaligen Landtagskandidaten der Grünen, den Menschenfreund, der durch seine Glaskunst in ganz Europa bekannt ist und sich trotzdem - oder gerade deshalb - zu seiner Heimatstadt bekennt.

„Denen, die das Licht teilen“, so der Leitsatz des 40-seitigen Bandes, hat Raphael Seitz sein Buch gewidmet: also nicht nur den 7000 Menschen, die damals ums Leben kamen, nicht nur seinen Großeltern Clara und August, die das Inferno in der Cäcilienstraße überlebten, sondern allen Menschen, „die mich mit kleinen und großen Wundern lebendig machen“.