Plötzlich wollen viele Polizist werden

Polizei erstaunt über starke Berufsnachfrage - Trotz Rekordbelohnung fehlt heiße Spur

Von Carsten Friese und Helmut Buchholz

Plötzlich wollen viele Polizist werden
Ermittler decken den Tatort Theresienwiese vor neugierigen Blicken ab. Heilbronns Polizei ist überrascht: Nach dem Mord nahmen Anfragen zum Polizeiberuf zu.Foto: AP

Mordfall - Trotz der Rekordbelohnung von 100 000 Euro für entscheidende Täterhinweise hat die Polizei im Heilbronner Polizistenmordfall weiterhin keine heiße Spur. Gestern gingen bis 17 Uhr etwa 20 weitere Hinweise ein, die niedrigste Zahl seit dem Mordtag. „Die Flut ist abgeebbt“, ist Polizeisprecher Rainer Köller vom Rückgang nicht ganz überrascht. Über 500 Zeugen hätten sich bereits vorher gemeldet. Die Polizei hofft weiter auf Mithilfe. Jede Beobachtung könne für die Puzzlearbeit der Soko wichtig sein.

Auf eine andere Art von Anrufen reagieren die Ermittler mit einer Mischung aus Überraschung und Freude: In der Woche nach den heimtückischen Kopfschüssen auf zwei Polizeibeamte auf der Heilbronner Theresienwiese sind die Anrufe von jungen Menschen, die sich für den Polizistenberuf interessieren, auf das Dreifache gestiegen. „Wenn wir sonst pro Woche fünf, sechs Anfragen nach einem Beratungsgespräch haben, waren es in der zurückliegenden Woche über 15“, stellt der Polizeisprecher fest. Warum, ist ihm und seinen Kollegen ein Rätsel. „Vielleicht ist es eine Trotzreaktion, vielleicht sehen manche vor dem Hintergrund einer solchen Tat, wie wichtig der Polizeiberuf ist“, mutmaßt Köller.

Verzerrung Als „nicht hilfreich“ bezeichnet Heilbronns Polizeichef Roland Eisele unterdessen Spekulationen, die zurzeit über den Polizistenmord die Runde machen. Dass die Täter in Reihen der Drogenmafia zu finden seien, „lässt sich nicht ausschließen“. Allerdings befürchtet Eisele, dass diese über die Medien verbreiteten Theorien die Wahrnehmung möglicher Zeugen verzerren könnten. Es bestehe die Gefahr, dass sich „Wahrnehmungen und Spekulationen mischen“. In diesem Fall bekomme man keine authentischen Aussagen mehr. Nach wie vor, betont der Polizeichef, „haben wir uns bei der Fahndung nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt“.

Energisch tritt Eisele Kritikern entgegen, die der Polizei vorwerfen, sie schicke zu junge Beamte auf Streife - zum Beispiel zur Kontrollaktion „Sichere City“ ins Drogenmilieu. „Tatsache ist, dass das Alter bei diesem Fall überhaupt keine Rolle gespielt hat.“ Jedem anderen Polizisten „hätte das auch passieren können“. Eisele unterstreicht, was auch Landespolizeipräsident Erwin Hetger zuvor gesagt hatte: „Die Opfer hatten keine Chance, sich zu wehren.“ Hetger hatte auch erklärt: „Ich denke, wir müssen uns damit abfinden: Ungefährliche Routineeinsätze bei der Polizei gibt es nicht.“

Hoffnung Bei der Bereitschaftspolizei in Böblingen, dort, wo die erschossene 22-Jährige und ihr lebensgefährlich verletzter 24-jähriger Kollege stationiert waren, ist die grausame Tat so gegenwärtig wie am Mordtag. Plötzlich sei die Gefahr präsent, „die Angst ist immer mit dabei“, beschreibt Sprecherin Susanne Motz den neuen Alltag. Bei der Beerdigung von Michéle Kiesewetter nahmen 170 Böblinger Abschied. Den schwer verletzten 24-jährigen Polizisten konnte noch keiner der Kollegen besuchen. Nur Familienangehörige dürfen zu ihm auf die Intensivstation. Ob er überleben wird? Susanne Motz’s Stimme wird leiser: „Ich hoffe und ich bete.“