„Ohne Standstreifen, das ist lebensgefährlich”

Mitte der 90er Jahre auf Kosten der Sicherheit ausgebaut, jetzt Schauplatz tödlicher Unfälle: Die A6 in unserer Region

Standstreifen, besser gesagt: fehlende Strandstreifen sind zurzeit wieder in der Diskussion. Die A6 war eine der ersten Autobahnen in Deutschland, die durch den Wegfall des Standstreifens und Ummarkierung dreistreifig ausgebaut wurde. Wie sind Ihre Erfarungen damit?

Jens Brockstedt: Im Oktober 1996 wurde die A\x0f6 zwischen den Kreuzen Walldorf und Weinsberg fast durchgängig ummarkiert, im Dezember 1997 in der Gegenrichtung vom Weinsberger Kreuz bis hinter die Anschlussstelle Untereisesheim. Der Verkehr floss sofort reibungslos und zügig. Wir hatten kaum mehr Staus wegen des hohen Verkehrsaufkommens ­ werktags mehr als 100\x0f000 Fahrzeuge täglich ­ zu verzeichnen.

Das klingt aber nicht nach der Staustrecke, die wir auch seither fast täglich im Verkehrsfunk hören müssen.

Brockstedt: Stimmt. Denn sobald Störungen auftreten, kommt sofort der Verkehr zum Stocken, bis hin zu kilometerlangen Staus. Solche Störungen können beispielsweise Unfälle, Gegenstände auf der Fahrbahn, Reparaturarbeiten, Baustellen oder Pannenfahrzeuge sein.

Beim Stichwort Pannenfahrzeug denke ich nicht zuerst an den Stau, sondern an die Lebensgefahr: Vor wenigen Wochen ist ja kurz vor dem Kreuz Weinsberg eine junge Frau ums Leben gekommen, weil ihr Wagen liegen geblieben und von einem Lkw gerammt worden war. Wie häufig kommen Verkehrsteilnehmer in solche Gefahrensituationen?

Brockstedt: Pannen, bei denen ein Auto auf der Fahrbahn zum Stehen kommt, erleben wir täglich. Zum Glück enden sie selten so tragisch. Für uns ist in solchen Momenten höchste Eile geboten, um das Fahrzeug nach hinten abzusichern oder zu beseitigen. Dadurch, dass kein Standstreifen vorhanden ist, bleiben die Fahrzeuge auf der rechten Fahrspur liegen. Und diese Spur wird hier in unserem Bereich sehr stark vom Schwerlastverkehr frequentiert.

Ist das nicht auch für die Polizei gefährlich?

Brockstedt: Doch, sogar sehr. Denn gerade auf der rechten Fahrspur, auf der in aller Regel Personenkraftwagen wie Lastkraftwagen pannenbedingt zum Stehen kommen, fährt der Schwerlastverkehr so dicht hintereinander her, dass nur ein kurzer Moment Unaufmerksamkeit schwere Folgen nach sich ziehen kann. Die Beamten und alle anderen eingesetzten Rettungseinheiten sind jeden Tag höchst gefährdet.

Eigentlich eine untragbare Situation. Was ist da zu tun?

Brockstedt: Die Situationen entstehen sicherlich nicht mehr in diesem Maße, wenn die A\x0f6 mit Standstreifen ausgebaut wird. Leider gibt es dafür noch keinen Zeitrahmen.

Sie selbst haben in der Vergangenheit zwar auf die Gefahren durch die Ummarkierungen hingewiesen, nicht aber diese Folgerungen abgeleitet. Wie kommt das?

Brockstedt: Ich weiß um die finanzielle Situation im Straßenbau von Bund und Land. Aber ich denke inzwischen, dass bereits zu viel Leid entstanden ist, und erinnere zusätzlich an die schwere Lkw-Unfallserie vor einem Jahr. Deshalb spreche ich sicher im Interesse der Verkehrsteilnehmer, aber auch aller Einsatzkräfte wie Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte, THW, Abschlepper und so weiter, wenn ich so argumentiere. Ohne Standstreifen ist es für Verkehrsteilnehmer wie Absichernde lebensgefährlich.

Was sollen Autofahrer tun, wenn sie im standstreifenfreien Bereich eine Panne haben?

Brockstedt: Sofort die Warnblinkanlage einschalten und, wenn irgend möglich, die nächste Nothaltebucht oder den nächsten Parkplatz ansteuern. Das Fahrzeug sollte so weit wie möglich nach rechts gesteuert werden. Außerdem sollen alle Insassen unverzüglich ­ am besten rechts ­ aussteigen und sich hinter die Leitplanke stellen. Dann die Unfallstelle mit Warndreieck sichern. Empfehlenswert ist, dann Warnwesten zu tragen: In anderen Ländern sind sie bereits Pflicht.