Man lebt noch wie in der urchristlichen Gemeinde

Sie wurden aus dem Nahen Osten vertrieben: In der Region Heilbronn sind heute etwa 600 Aramäer zuhause

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Die Aramäer sind ein unterdrücktes Volk und praktisch noch immer auf der Flucht. Was ist im Heimatland passiert?

Sabo Hanna: Die Aramäer sind ein semitisches Volk, dessen Mitglieder seit etwa 5000 Jahren in Mesopotamien leben. Der vorherrschende Glaube ist der syrisch-orthodoxe. Vor etwa 30 Jahren herrschte Bürgerkrieg im Libanon und der gesamte Nahe Osten war ein einziges Krisengebiet, in dessen Konflikte auch die Aramäer gerieten. Aus vielen ihrer angestammten Gebiete wurden sie vertrieben und in der ganzen Welt verstreut.

Wie viele Aramäer leben hier?

Hanna: Das ist schwer zu sagen, denn wir Aramäer führen kein eigenes Meldesystem. Aber ich schätze, dass hier in der Region Heilbronn etwa 600 Aramäer leben. In Baden-Württemberg dürften es 6000 sein.

Was ist das Besondere an Ihrem Glauben?

Hanna: Zunächst muss ich einmal klarstellen, dass der Begriff Aramäer keine Religionszugehörigkeit beschreibt, sondern eine ethnische Zugehörigkeit. Man kann aber sagen, dass der größte Teil der Aramäer zur syrisch-orthodoxen Kirche gehört. Das Leben der Menschen ist von einer sehr starken Volksfrömmigkeit geprägt. So halten die Aramäer beispielsweise zwei Fastentage in der Woche, nämlich den Mittwoch und den Freitag ein.Wir erkennen nur drei der ökumenischen Konzilien an, das von Nizäa, das von Konstantinopel und das Konzil von Ephesus. Und für uns ist der Papst nicht unfehlbar. Lediglich die Gesamtkirche ist fehlerfrei.

Am Samstag waren kaum ältere Menschen da, warum?

Hanna: Das hat zwei Gründe. Zum einen sprechen solche Veranstaltung Jugendliche und junge Erwachsene an. Zum zweiten hatten wir in letzter Zeit relativ viele Todesfälle in der Region. Da die ältere Generation noch sehr traditionsverhaftet ist, haben viele deshalb auf den Besuch der Veranstaltung verzichtet und sind bei den trauernden Angehörigen geblieben.

Wie und wo lernen die Kinder die aramäische Sprache?

Hanna: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Sprachkurse an staatlichen Schulen und in unseren Gemeinden. Allerdings muss ich hier erwähnen, dass die Jugendlichen in vielen Fällen das Interesse an unserer Sprache ein wenig vermissen lassen.

Was muss man unter der „Kultur der Aramäer”, die Sie erhalten wollen, verstehen?

Hanna: Ziel der Föderation der Aramäer in Deutschland ist zunächst einmal die Integration in die Deutsche Gesellschaft. Gleichzeitig aber soll das aramäische Erbe wie Sprache, Glaube und Traditionen erhalten werden.

In einem Zeitungsartikel heißt es: „Zudem ist ihnen über all die Jahre die Wahrung der eigenen Identität, Kultur und Sprache gelungen.” Bedeutet das, dass die Aramäer in Deutschland ihr richtiges Leben inmitten eines falschen Lebens leben?

Hanna: Das ist sehr übertrieben formuliert. Wir konnten zu Hause unsere Kultur nicht mehr ausleben. Hier in Deutschland leben wir in einer freien Gesellschaft, in der jeder das Recht auf seine Kultur hat. Und die besteht, wie schon erwähnt, zum Beispiel darin, dass in einem Todesfall wirklich die ganze Gemeinde mit den Angehörigen der Verstorbenen trauert. Aber die ganze Gemeinde ist eben auch dabei, wenn Hochzeiten oder Taufen gefeiert werden. Man lebt in dieser Hinsicht noch wie in der christlichen Urgemeinde.

Welche Stellung fällt der Frau in der aramäischen Kultur zu?

Hanna: Die Frau hat in der Familie eine hohe Stellung. Sie ist für die Kindererziehung und für den Haushalt verantwortlich. Auch unsere Frauen wollen allerdings mehr Gleichberechtigung, die in manchen Familien auch gelebt wird. In anderen aramäischen Familien wiederum hat die Frau einfach ihre traditionelle Rolle zu spielen. Das Priesteramt für Frauen kennen wir in der syrisch-orthodoxen Kirche nicht.

Was genau haben die Aramäer, worauf sie so stolz sind, auf den Gebieten der Philosophie, Geographie, Astronomie, Medizin, Mathematik geleistet?

Hanna: Die Aramäer waren in den ersten Jahrhunderten des Islam die Lehrer der mittlerweile moslemischem Araber. Ihnen haben sie ihr Wissen in Architektur, Medizin oder Mathematik vermittelt. Die mittlerweile als „arabische” Ziffern bekannten Zahlen gehen beispielsweise auf die Aramäer zurück.