Im Netz siegt der lange Atem

Stadtarchiv ist skeptisch gegenüber der Heilbronn-Seite im Internet-Lexikon Wikipedia

Im Netz siegt der lange Atem
Einer von über 500 000 Artikeln in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia beschäftigt sich 32 Seiten lang mit Heilbronn, zu finden unter http://de.wikipedia.org.

heilbronn Wer sich auf der Suche nach Informationen über Heilbronn durchs Internet googelt, kommt an Wikipedia kaum vorbei. Allgegenwärtig ist das Lexikon inzwischen im Netz, und unter Studenten wie Internet-Nutzern gleichermaßen beliebt. Informationen gibt es zu Gott und der Welt - vorausgesetzt, es haben sich Autoren gefunden. Honorar gibt es nicht, jeder, der sich registriert, kann für Wikipedia schreiben, ohne, dass der Autorenname genannt ist. Eine übergeordnete Instanz agiert ebenso wenig, jeder kann jederzeit Artikel und Einträge des Vorgängers abändern.

In Heilbronn hat es offenbar großes Mitteilungsbedürfnis gegeben. 32 Seiten lang ist der Eintrag - das ist eine Menge, wenn man vergleicht, wie wenig Fleißarbeit es für andere Städte gibt. Zu Pforzheim sind den Wikipedia-Autoren nur 16 Seiten eingefallen und selbst Stuttgart und Berlin bringen es nur auf jeweils 21 Seiten.

Alle Bürgermeister Das Heilbronner Inhaltsverzeichnis zeigt: Kaum ein Bereich wurde ausgelassen. Ob frühes Mittelalter, Bauernkrieg oder Drittes Reich, die Informationen sind mit Fotos und Quellenangaben versehen. Es gibt eine Liste aller Bürgermeister, Informationen zu Parteien, aktuelle Tabellen zur Bevölkerungsentwicklungen, Links zu Kultureinrichtungen, eine Übersicht der Sehenswürdigkeiten.

Für Dr. Christhard Schrenk, Direktor des Heilbronner Stadtarchivs, bleibt Wikipedia zwiespältig. „Man kann reinschauen, aber nie wissen, ob da nicht Blödsinn geschrieben steht.“ Seine Hauptkritik am Internet-Lexikon: „Der Autor ist nicht einzuschätzen. Es fehlt das Korrektiv.“ Am Ende gewinne nicht unbedingt derjenige mit Kompetenz, sondern derjenige mit der meisten Zeit.

Bei Adolf Cluss, dem berühmten in Heilbronn gebürtigen Washingtoner Baumeister, hat sich das Stadtarchiv als einzige Ausnahme selbst in Wikipedia versucht: ein einmaliger Versuch, wie Schrenk zugibt. Innerhalb einer Woche sei so viel am Text verändert worden, „danach war der Cluss-Artikel nicht mehr zu gebrauchen.“

Wissenschaftlichen Standards halte Wikipedia nicht stand, trotz der vielen Quellenangaben und Fußnoten. „Für mich wäre das nie zitierfähig“, sagt der Historiker. Prompt hat er einen Fehler gefunden im Kapitel über die Ursprünge Heilbronns: Eine Schenkungsurkunde habe es 741 keine gegeben, der zitierte Text stamme aus dem Jahre 822. Das sei ein klassischer Fehler, der immer wieder falsch abgeschrieben werde. Man habe sehr wohl nochmal überlegt, ob man solche Fehler richtig stellen solle. Doch die Erfahrung mit Cluss habe gezeigt: „Das ist uferlos, wenn Korrekturen wieder korrigiert werden.“

Gestohlene Bilder Noch etwas stört den Stadtarchiv-Direktor gewaltig: „Ich sehe viele Bilder, die gestohlen sind.“ Nach geltendem Urheberrecht dürften viele Abbildungen überhaupt nicht verwendet werden. Beispielsweise sei die Urkunde zur Verleihung des Stadtrechts von 1281 abgebildet. Die Rechte habe jedoch das Hauptstaatsarchiv in Stuttgart, und dort hat sich das Stadtarchiv Heilbronn die Erlaubnis besorgt, die Urkunde in einigen Publikationen abzubilden: „Man sieht, dass da fürs Internet einfach bei uns abfotografiert wurde.“

Schrenk relativiert auch den Zeilen-Eifer der Heilbronn-Autoren: „Auch da wurde sehr viel von uns abgeschrieben.“ Als Beleg nennt er die Auflistung der Heilbronner Bürgermeister. Doch wer das nicht bei der Internet-Enzyklopädie nachlesen will, kommt um einen Besuch im Stadtarchiv nicht herum. Hier zeigt sich der unschätzbarer Vorteil von Wikipedia: die Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Internetadresse: http://de.wikipedia.org. 2001 gegründet, wird Wikipedia betrieben von Wikimedia Foundation, einer Non-Profit-Organisation in Florida. Die englische Version hat 1,5 Millionen, die deutschsprachige 525 428 Artikel, die mit Quellenangabe kopiert werden dürfen. Über 7000 Autoren arbeiten an der deutschen Fassung.