Heilbronn: Der Tag, ab dem die Atomraketen unerwünscht waren

Heilbronn - Der 19. Juli 1984 war ein Tag mit politischer Sprengkraft. An jenem Donnerstag vor 25 Jahren erklärte der Heilbronner Gemeinderat die auf der Waldheide gelagerten Atomraketen des Typs Pershing II für „unerwünscht“. Dort war ohne Wissen der Bürger und ihrer gewählten Stadträte ein Atomraketen-Standort der US-Armee entstanden.

Historische Zeitungsseiten: Lesen Sie, wie die HSt am 20. und 21. Juli 1984 über das Ereignis berichtet hat.

Von Iris Baars-Werner

Waldheide Heilbronn Das Stimme-Foto vom 19. Juli 1984 zeigt eine Pershing-Rakete auf der Waldheide. Im damaligen Bildtext wurde kein Fotograf genannt, um ihn vor polizeilichen Ermittlungen zu schützen. Foto: HSt-Archiv/Eisenmenger


Heilbronn - Der 19. Juli 1984 war ein Tag mit politischer Sprengkraft. An jenem Donnerstag vor 25 Jahren erklärte der Heilbronner Gemeinderat die auf der Waldheide gelagerten Atomraketen des Typs Pershing II für „unerwünscht“. Die Mehrheit war denkbar knapp. Der Beschluss fiel mit 19 zu 18 Stimmen.

Vorangegangen war nicht nur eine Ratssitzung mit kämpferischen, teils polemischen Wortgefechten. Vorangegangen waren auch Jahre des politischen Schweigens, in denen eine ganze Stadt vor dieser einen Information abgeschottet wurde: Auf der Waldheide, nicht einmal einen Kilometer von der Wohnbebauung der Großstadt entfernt, war ohne Wissen geschweige denn mit Einwilligung der Bürger und ihrer gewählten Stadträte ein Atomraketen-Standort der US-Armee entstanden. Abgesegnet vom Nato-Doppelbeschluss der Bundesregierung unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt.



In Heilbronn war es damals gleichgültig, ob ein SPD-Oberbürgermeister wie Hans Hoffmann oder ein CDU-OB wie sein Wunsch-Nachfolger Manfred Weinmann das Sagen hatte. „Der Stadt Heilbronn ist nicht bekannt, in welcher Weise die US-Anlage auf der Waldheide militärisch genutzt wird und welche Waffen dort lagern“, behauptete Hoffmann noch 1982. 1984 argumentierte Weinmann auf derselben Linie, es lägen keine militärischen Fakten vor, da die Nutzung der Waldheide der Geheimhaltung unterliege.

25 Jahre später erinnert sich Manfred Weinmann kurz vor seinem 75. Geburtstag nicht nur an die Zeit, die ihn „wahnsinnig beschäftigt“ habe. Er gibt auch unumwunden zu: „Als Oberbürgermeister war ich informiert, aber ich durfte es nicht weitererzählen und ich durfte nicht Stellung nehmen.“

Der Hartnäckigkeit des damaligen Fraktionsvorsitzenden Friedrich Niethammer war es zu danken, dass die SPD immer wieder Anträge stellte, in Ratssitzungen das Thema Nuklearwaffen auf der Waldheide zur öffentlichen Diskussion zu machen. Lange war er abgeschmettert worden mit Hinweisen auf Verwaltungsvorschriften und Erlasse. Niethammer, von Beruf Staatsanwalt, beschritt schließlich den Klageweg. Das Stuttgarter Verwaltungsgericht und der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof gaben der SPD-Fraktion Recht: Die Verwaltung musste zulassen, dass die Waldheide im Gemeinderat debattiert wird.

Dies geschieht am 19. Juli 1984. Unter Nummer acht einer Tagesordnung mit 24 Punkten steht die Frage nach der „möglichen Beeinträchtigung von Belangen der Stadt Heilbronn und ihrer Bürger durch die Stationierung von Nuklearwaffen auf der Waldheide“. In 40 Minuten freier Rede kämpft Niethammer um seinen Antrag, dem der Grünen-Stadtrat Wolf Theilacker eigene Anträge hinzufügt.

Niethammers Widerpart ist CDU-Fraktionschefin Paula Fuchs, die auf die Beschlüsse von Nato und Bundesregierung verweist. Nach zweieinhalb Stunden stellen sich den 14 SPD-Stadträten die drei FDP-Räte um Erich Lepple, der Grüne Wolf Theilacker und FWV-Stadtrat Heiner Dörner zur Seite. Da der zweite FWV-Mann Willy Schwarz die Sitzung schon verlassen hat, unterliegen die CDU und OB Weinmann mit 18 Stimmen.

Riss durch die Redaktion

Nicht allein den Gemeinderat spaltete die Frage der Atomraketen und die Doktrin der Abschreckung. Auch durch die Redaktion der Heilbronner Stimme ging ein tiefer Riss. Uwe Jacobi schreibt in seiner Geschichte: „Genau wie die Bevölkerung spaltet sich die Redaktion in verschiedene Lager, zwischen denen es teilweise zu dramatischen Konflikten kommt.“

Chefredakteur Werner Thunert achtete darauf, dass Lokaljournalisten wie Gerd Kempf mit Nähe zur Friedensbewegung möglichst nicht über die Waldheide berichteten. Dennoch gab es immer wieder Texte, in denen Informationen über die vermuteten Pershingraketen veröffentlicht wurden. Schließlich setzt die Lokalredaktion, deren Leiter damals Uwe Jacobi war, an jenem 19. Juli 1984, dem Sitzungstag des Gemeinderates, ein Foto in die Zeitung. Es zeigt eine Pershingrakete auf der Waldheide.

Am Nachmittag winken Stadträte mit diesem Foto. Die Verwaltung pocht derweil auf Geheimhaltung. Der Staatsanwaltschaft ist die „Verbreitung einer sicherheitsgefährdenden Abbildung“ Anlass, gegen die Zeitung zu ermitteln.

Am 11. Januar 1985 nutzt alles Vertuschen und Leugnen nichts mehr. Alle Rettungsdienste fahren auf die Waldheide. Die US-Army gibt den Tod von drei ihrer Soldaten bekannt, die beim Üben mit einer Pershing-Rakete in Camp Redleg verunglückten. Camp Redleg, das erfahren die Heilbronner erst da, ist der militärische Namen der Waldheide.


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Waldheide: HSt vom 21.07.1984
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Waldheide: HSt vom 20.07.1984 (Titelseite)
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Waldheide: HSt vom 20.07.1984 (Lokalseite)
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Waldheide: HSt vom 20.07.1984 (Lokalseite Fortsetzung)
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