Eine Komposition aus Farbe und Licht

Heilbronn - Erhellende Ausführungen über das in den 60er Jahren gestaltete Fensterwerk der Heilbronner Kilianskirche geben der Debatte um elf moderne Fenster neue Nahrung. Ein Enkel des Künstlers Charles Crodel warnt vor jedem Eingriff.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

Eine Komposition aus Farbe und Licht
Der Kunsthistoriker Cornelius Steckner deutet das vielschichtige Fensterwerk der Kilianskirche und gibt der Debatte über neue Glaskunst Nahrung.Foto: Guido Sawatzki

Heilbronn - Da gehen selbst dem ehemaligen Museumsdirektor Dr. Andreas Pfeiffer die Augen auf. "So hat mir diese Kirche noch niemand erklärt." Andächtig lauscht er mit 100 Gästen einem erhellenden Vortrag über Charles Crodels Fenster in der Heilbronner Kilianskirche. Der Kölner Kunsthistoriker und Crodel-Enkel Dr. Cornelius Steckner (58) schärft mit fachlichen und persönlichen Ausführungen den Blick für das vielschichtige Werk seines Großvaters − und gibt damit der Debatte um elf neue Kunstfenster Nahrung, zunächst in der Kirche und anschließend beim Nachschlag im Ratskeller.

Steckners zentrale These: Die nach der Zerstörung im Jahre 1944 bis 1974 wiedererrichtete Kilianskirche und die 1964 bis 1967 gestalteten Kunstfenster bilden ein Gesamtkunstwerk, "die materielle Architektur wird im Licht vollendet".

Gesamtheit

Selbst die auf den ersten Blick leeren, tatsächlich aber fein strukturierten, teils farbigen Scheiben der Kathedralfenster hätten in dieser Gesamtkomposition einen wichtigen Platz, "wie jede Note in der Musik". Durch ihre Farb- und Lichtwirkung werde das gotische Gotteshaus je nach Sonnenstand und Jahreszeit in eine "klösterliche Aura wie an der Loire" getaucht. Dabei sei nichts dem Zufall überlassen. Steckner zeigt zahlreiche Korrespondenzen auf und erklärt die Dramaturgie von Farbe und Licht: von oben nach unten und vom Eingang zum Chorraum. Im Zentrum der Inszenierung stehe das bedeutendste Kunstwerk der Stadt, der 500 Jahre alte Schnitzaltar von Hans Seyfer, hinter dem sich bewusst als eine Art Blende das dunkelste Fenster der Kirche finde, flankiert von durchlässigen Scheiben.

Das Fensterwerk im Ganzen wie im Detail sei von Leitmotiven durchwoben, die die gottesdienstlichen Belange unterstreichen: in der Südflanke komme das Thema Wasser zum Tragen, im Norden das Abendmahl, beides in vielerlei Gestalt. Neben Verweisen auf Altes und Neues Testament stelle Crodel Bezüge zu Heilbronn her: mit Wein, Brunnen, mit der Apokalypse des 4. Dezember und mit Referenzen an Bürger und Stifter. So sieht Steckner in dem Gebäude nicht nur den architektonisch-künstlerischen Höhepunkt von Heilbronn, sondern auch ein Zeugnis des Wiederaufbaus. Jeder Eingriff berühre über die Urheberrechte Crodels hinaus das Vermächtnis aller damals Beteiligten.

Steckner lässt auch Persönliches durchschimmern. Der in München geborene Crodel fühlte sich durch seine Schulzeit in Schwäbisch Hall der Region stark verbunden. Er sei "sogar des Schwäbischen mächtig gewesen", erzählt sein Enkel, dem das Werk des Großvaters durch viele Werkstattbesuche "in Fleisch und Blut übergegangen" sei.

Debatte

Etliche Besucher zeigen sich beeindruckt und suchen das Gespräch mit dem Referenten, so etwa Stifterin Margarete Knorr, Kirchenführer Karl-Günther Weeber oder Archivarin Annette Geisler. Manche üben, teils scharf, Kritik an der "geplanten Zerschlagung des Gesamtwerkes". Zurückhaltend äußert sich Kilianskirchenpfarrer Hans-Jörg Eiding. Er erinnert, dass die Kirchengremien und der Großteil seiner Gemeinde nichts gegen "eine zeitgemäße Ergänzung" der vorhandenen Kunst hätten.

Vertrauliches Gespräch

Die Evangelische Kirche plant, in elf Kilianskirchenfenster, die aus ihrer Sicht nicht künstlerisch gestaltet sind, moderne Glaskunst von Bernhard Huber und Xenia Hausner einzubauen. Für das vom Verein für die Kilianskirche finanzierte 800 000-Euro-Projekt liegt bereits die Baugenehmigung der Stadt vor, Bedenken der Denkmalpflege wurden zurückgestellt. Cornelius Steckner macht aber Urheberrechte für das bestehende Fensterwerk geltend; er droht sogar mit einer Klage gegen die Kirche. Dekan Otto Friedrich traf sich am Montag mit Steckner zu einem vertraulichen Gespräch in der Sakristei. Beide verständigten sich zumindest auf eine gemeinsame Sprachregelung. Demnach wolle man „weiterhin konstruktiv der Kilianskirche Bestes suchen“. Wie? „Das müssen wir noch sehen.“ kra