Ein Kindesentführer kämpft um sein Kind

Nach den Buchstaben des Gesetzes ist er ein Kindesentführer, doch der Heilbronner Jan K. sieht sich im Kampf um seine siebenjährige Tochter Nathalie (beide Namen geändert) im Recht. Es ist ein Streit zwischen Mutter und Vater, der über Landesgrenzen hinweg seit Jahren Gerichte beschäftigt und jetzt einen dramatischen Höhepunkt erreicht hat: Nathalie will nicht mehr zur „bösen Mama” nach Belgien zurück

Von Carsten Friese

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Nach den Buchstaben des Gesetzes ist er ein Kindesentführer, doch der Heilbronner Jan K. sieht sich im Kampf um seine siebenjährige Tochter Nathalie (beide Namen geändert) im Recht. Es ist ein Streit zwischen Mutter und Vater, der über Landesgrenzen hinweg seit Jahren Gerichte beschäftigt und jetzt einen dramatischen Höhepunkt erreicht hat: Nathalie will nicht mehr zur „bösen Mama” nach Belgien zurück, erhebt Vorwürfe, die Mutter habe sie mehrfach mit einem Stock geschlagen und an den Haaren gezogen.

Ein belgisches Gericht hatte für Nathalie zuvor den Schulort Lüttich und für die Mutter später das alleinige Sorgerecht angeordnet. Als „verzweifelten Hilferuf” beschreibt der Vater den Wunsch des Mädchens. „Es geht um mein Kind, um das Beste für das Kind, und meine Tochter hat das Recht, dass ich alles für sie tue”, sagt Jan K. (41). Seit jenem sonderbaren Tag im August 2006, an dem Nathalie gemäß der Sorgerechtsregelung eigentlich wieder zur Mutter nach Lüttich gebracht werden sollte, lebt sie bei ihm. Über Jahre hatten die geschiedenen Eltern ihre Tochter im Wechsel bei sich. Eine Woche Lüttich, eine Woche Heilbronn, ein dauerndes Hin und Her in einer Entfernung von rund 450 Kilometern, die Jan K. jeden Samstag mit dem Auto fuhr.

Was an jenem Augusttag passierte, schildert der Vater so: Mit ihrem Diddl stand Nathalie zur Rückfahrt bereit, als sie plötzlich „Schrei- und Weinkrämpfe bis zur Erschöpfung” bekommen habe. Nach einer erneuten Attacke habe Nathalie „gebettelt”, dass Papa sie nicht nach Belgien zurückbringen solle und von Schlägen der Mutter erzählt. Jan K. behielt Nathalie in Heilbronn und meldete seine Tochter in der Grundschule an. „Das sind nicht meine Behauptungen. Es sind die Aussagen meiner Tochter, und ich glaube ihr.”

Gutachten Über das Bundesamt für Justiz beantragte die Mutter, die auf HSt-Anfrage keine Angaben zu dem Fall machte, die Herausgabe des Kindes. Bei einem Kinderpsychologen ließ Jan K. seine Tochter begutachten. Auch dort berichtete sie von mehrfachen Schlägen der Mutter. Diagnose: Eine Herausgabe des Kindes würde für die Siebenjährige „eine schwere seelische Belastung” darstellen und sei „nicht zu verantworten”.

Diese Sätze überzeugten einen Stuttgarter Familienrichter nicht. Mit Verweis auf das Haager Kindesentführungsübereinkommen stufte er den Rückgabeantrag der Mutter als begründet ein. Gegen belgisches Recht halte der Vater das Kind zurück. Eine „Formelhaftigkeit” sah der Richter in Nathalies Aussagen, die ihre Vorwürfe nicht konkretisieren konnte oder wollte. Die Mutter hatte bestritten, ihr Kind zu misshandeln. Der belgische Kinderarzt fand bei Nathalie über Jahre keine Anzeichen dafür. Am psychologischen Gutachten aus Heilbronn bemängelte der Richter, dass die Mutter nicht einbezogen worden sei. Anhaltspunkte für eine schwerwiegende Beeinträchtigung des Kindes fand er nicht. Nathalie leide „wie alle Scheidungskinder unter der Trennung und Uneinigkeit der Eltern”.

Beschwerde Mit einer Beschwerde vor dem Oberlandesgericht kämpft Jan K. weiter. Für ihn der letzte Strohhalm. „Man kann ein Gutachten doch nicht einfach wegschieben.” Seine Anwältin Andrea Koch sieht „klare Versäumnisse” in erster Instanz. Richter seien keine Psychologen. Weder sei ein neutrales Gutachten eingeholt noch ein Verfahrenspfleger für das Kind bestellt worden. Sie hofft, dass das Oberlandesgericht sich „die Mühe macht”.

Der Wille des Kindes? Ab einem bestimmten Alter „kann er eine Rolle spielen”, sagt Hans-Michael Veith, Abteilungleiter Internationales Zivilrecht im Bundesamt für Justiz. Bei kleineren Kindern kämen Manipulation und Bestechung durch Eltern jedoch öfter vor. Die Maßstäbe, eine Kindesrückgabe mit der Gefahr drohener Schäden für das Kind zu versagen, „sind sehr hoch”. Im Fall Nathalie sind die Vorwürfe des Kindes für ihn „keine außergewöhnlichen”.

„Ausliefern” wird Jan K. seine Tochter nicht, das hat er ihr versprochen. Rein rechtlich ist möglich, dass ein Kind mit Hilfe eines Gerichtsvollziehers aus dem Haus geholt wird.

Hintergrund

Kindschaftskonflikte Bei internationalen Konflikten um Sorgerecht und Kindesentführungen können Elternteile ihr Recht über das Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) geltend machen. Zwischen Deutschland und rund 60 anderen Staaten ist das Übereinkommen in Kraft.

Durch die Zunahme internationaler Ehen haben auch Fälle haben zugenommen, in denen ein Elternteil widerrechtlich ein Kind in sein Heimatland gebracht oder nicht mehr zurückgebracht hat. Das Übereinkommen verpflichtet die Staaten grundsätzlich dazu, die Rückführung des Kindes zu ermöglichen.

Fallzahlen Familiengerichte und Verwaltungsbehörden prüfen die Fälle. 241 Kindesrückgabe-Verfahren nach dem HKÜ mit deutscher Beteiligung stehen für das Jahr 2005 in der Statistik des Bundesamtes für Justiz. Rund zwei Drittel aller Fälle enden mit einer Rückführung des Kindes.

Gründe, eine Rückführung abzulehnen: Wenn ein Antragsteller sein Sorgerecht nicht ausgeübt hat, wenn das „einsichtsfähige Kind” sich einer Rückkehr ernsthaft widersetzt oder wenn dem Kind „die schwerwiegende Gefahr eines körperlichen oder seelischen Schadens” droht. cf