Do you speak English? - US-Streitkräfte in Heilbronn

Heilbronn  Vor 65 Jahren kamen die ersten amerikanischen Soldaten nach Heilbronn. Zu Spitzenzeiten Ende der 80er Jahre lebten rund 10.000 US-Bürger in der Stadt. Unser Redakteur Andreas Sommer berichtet über Erlebnisse mit GIs und wirft einen Blick auf ein prägendes Kapitel der Stadt zurück.

Von unserem Redakteur Andreas Sommer

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Gaststätte Hesser, Herbst 1976. Mit einem Kumpel stehe ich vor der Heilbronner Kneipe in Friedhofsnähe, die schon damals Kult ist. Die Halbe kostet auch für Studenten erschwingliche 1,55 Mark. Doch heute ist es anders als sonst: Ein Krankenwagen steht vor der Tür. Ein junger Mann wird liegend abtransportiert. Ein amerikanischer GI, wie es aussieht, der ohnmächtig geworden ist.

Drinnen sitzt sein Freund am Tisch und verspeist sein Schnitzel, das zweite Essen dampft verwaist vor sich hin. „Könnet ihr Englisch“, fragt uns der Wirt, und schon sitzen wir bei dem anderen GI am Tisch. Amerikaner gelten gemeinhin als unkompliziert, was die Kontaktaufnahme betrifft. Das bestätigt sich auch hier dank der beherzten Vermittlung des Wirts: Es wird eine lange Nacht, bis unser neuer Freund um 4 Uhr morgens in ein Taxi steigt, das ihn in die Kaserne zurückbringt.

Im Juni 1951 berichtet die Heilbronner Stimme, wie eine lange US-Kolonne, „deren Fahrer größtenteils Neger waren, zur Ludensdorff-Kaserne hinausfuhr. Das gab zu allerlei Vermutungen Anlass“. Alles andere als für die Bevölkerung transparent gestaltet sich die Ansiedlung der ersten US-Soldaten. „Die ersten amerikanischen Truppen in Heilbronn“ vermeldet die HSt vor 65 Jahren, am 30. Oktober 1951: „Seit einigen Tagen sieht man farbige Soldaten in der Stadt. Sie gehören einer Lastkraftwagenkompanie an, die vor kurzem nach Heilbronn in die Schwabenhof-Kaserne (die späteren Wharton Barracks) verlegt wurde.“

 

 

 

Am 11. Dezember folgen in zwei Zügen, die am Südbahnhof ankommen, weitere rund 2000 Mann – diesmal weiße – des 12. Regimentes der 28. Infanterie-Division, die in die Kasernen auf der Fleiner Höhe ziehen. Bis zum Abzug der Amerikaner im Herbst 1992 sollten sie vier Jahrzehnte das öffentliche Leben in der Region mitprägen – zwischen Nachkriegsnot, Wirtschaftswunderzeit und Hochrüstungsphase mit Pershing- Raketen.

Während die Heilbronner mit der populären US-Kultur, mit Jazz, Rock’n’Roll, Kaugummi und mit den Amerikanern selbst Bekanntschaft und Freundschaft schließen, prägen Waffenschauen, Militärparaden und Freundschaftsbälle die deutsch-amerikanische Koexistenz in den 50er und 60er Jahren. Bis der Ausbau der Waldheide zur Raketenfestung und der vehemente Protest dagegen langsam das Ende der US-Besatzungsmacht einläuten. 

 

 

Im Dezember 1951 sind die Amerikaner im Stadtbild nicht zu übersehen. „Oberschüler und dergleichen Leute, die etwas Englisch können, sind begehrte Leute“, schreibt die HSt. Natürlich gibt es auch noch genügend Zeitgenossen, denen die mangelnde Disziplin der Amerikaner sauer aufstößt: Sie verkraften es schwer, dass deutsche Landser den Krieg gegen derart lässig auftretende, kaugummikauende GI’s verloren haben.

Die Wohnblöcke, die der Volksmund „Klein Amerika“ nennt, wachsen sich in der Südstadt an der Stuttgarter Straße zum John-F.-Kennedy-Village aus. Zu Spitzenzeiten Ende der 80er Jahre leben rund 10.000 Amerikaner in der Region – ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Der Auszug der amerikanischen Einheiten aus Heilbronn vollzieht sich 1992 genauso heimlich wie ihr Einzug 1951. Nach und nach, fast unbemerkt und ohne großes Aufsehen. Der letzte Zapfenstreich folgt am 4. September 1992.

 

Kasernen 

Amerikanische Truppeneinheiten beziehen 1951 die ehemaligen Wehrmachtskasernen Badener Hof, Schwaben- und Hessenhof. Die beiden letzten werden am 23. Juni 1952 in Wharton Barracks umbenannt. Namensgeber ist General James E. Wharton. 1988 leben 4631 Amerikaner im aktiven Dienst und 5698 Zivilisten in Heilbronn, Neckarsulm, Schwäbisch Hall, Siegelsbach und Dallau.