Den Schergen des Islamischen Staates entkommen

Heilbronn/Erbil  Der syrisch-orthodoxe Mönchspriester Benjamen Shemoun wurde aus einem Kloster im Irak vertrieben. In Heilbronn erzählte er die Geschichte seiner Flucht.

Von unserem Redakteur Jens Dierolf

Den Schergen des Islamischen Staates entkommen

Eine Marienfigur steht in einem Flüchtlingslager in Ankawa, einem christlich-dominierten Vorort der Stadt Erbil. Die Versorgungslage der Vertriebenen ist schwierig.

Es ist die pure Angst. Erst vor Kurzem ist die 20 Kilometer entfernte Millionenstadt Mossul von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) erobert worden. Tag für Tag rücken die Kämpfer näher an das Sankt-Matthäus-Kloster (Mor Mattai) heran. Nach ihrer Vertreibung haben Christen aus Mossul dort hinter den sandsteinfarbenen Mauern des jahrhundertealten Gebäudes Zuflucht gefunden. Die Priester und Bewohner beherbergen 62 Flüchtlingsfamilien, mehr als 200 Frauen, Männer und Kinder, in ihren eigenen Zimmern. Man rückt zusammen, doch bald müssen sie gemeinsam weiterziehen.

Benjamen Shemoun, 39 Jahre alt, Mönchspriester des syrisch-orthodoxen Klosters, wirft zwei Stücke Würfelzucker in seinen Tee. Er trägt sein schwarzes Mönchsgewand, sitzt bei einer befreundeten Familie in Heilbronn auf einem Sofa und erzählt von seiner Flucht und der Lage der Christen im Irak. Shemoun ist zu Besuch bei seinem Bruder Anwar, der in der Käthchenstadt lebt.

Vor dem Einmarsch des IS in die Ninive-Ebene machen im Kloster Videos über das Soziale Netzwerk Facebook die Runde, erzählt Benjamen Shemoun. Sie zeigen Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen. Das alles geschieht in wenigen Kilometern Entfernung. Einschüchterungen sind Teil der psychologischen Kriegsführung der Radikal-Islamisten. Dann sickern Informationen der Peschmerga, der kurdischen Streitkräfte, durch. Der Vormarsch des IS kann nicht mehr gestoppt werden. Mitarbeiter des Klosters und der Diözese organisieren die Flucht. Wenige Stunden bevor die IS-Kämpfer die Gegend erreichen, verlässt auch Shemoun das Anwesen − nur zwei Mönche bleiben zurück, bereit zu sterben.

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Benjamen Shemoun musste seine Heimat im Irak verlassen.

Foto: Raid Gharib

Die meisten Klosterbewohner und die Christen aus Mossul erreichen das sichere Kurdengebiet rund um die Stadt Erbil. Einige werden von Verwandten aufgenommen, für die meisten sind die Kirchen und Klöster der letzte Anker, der Hilfe bietet. In der christlichen Siedlung Ankawa, einem Vorort von Erbil, stranden sie. Die kurdische Regionalregierung und Hilfsorganisationen sind mit der Versorgung der Menschen überfordert. In den Kirchen werden Schlafquartiere eingerichtet, in Höfen und auf freien Flächen Zelte aufgebaut. Ein Bruder Shemouns und dessen Familie kommen bei Verwandten unter − mehr als 30 Personen leben auf 100 Quadratmetern. Nahrung und Hilfsgüter sind schnell verbraucht, viele Bedürftige gehen leer aus.

Wunden

Die schiere Masse der Flüchtlinge übersteigt jegliche Vorstellung, sagt der Mönch. 120?000 Christen, dazu eine ebenso große Zahl an Jesiden fliehen allein im Juli vor den Schergen des Islamischen Staates. Schulen im Nordirak werden zu Notquartieren umfunktioniert. Heute leben gut eine Million registrierte Flüchtlinge im kurdischen Autonomiegebiet im Irak mit fünf Millionen Einwohnern. Tatsächlich dürften es noch mehr sein. "Familien aus der Mittelschicht haben von einem Tag auf den anderen alles verloren und sind auf Essensrationen angewiesen." Die seelischen Wunden sind tief. "Es ist so, als würden Sie einem Krebspatienten Kopfschmerztabletten geben. Das heilt nicht einmal die Symptome", sagt Shemoun.

Dabei erging es den meisten Christen in ihrem Leid noch besser als den Jesiden. Christen wurden meistens vor die Wahl gestellt: Entweder sie fliehen, konvertieren zum Islam, oder sie bezahlen eine Kopfsteuer − in unerschwinglicher Höhe. "Die Jesiden sind vogelfrei", erzählt der Mönch. Sie gelten bei den selbsternannten Gotteskriegern als Ketzer und Teufelsanbeter. Die Männer seien meist sofort getötet worden, die Frauen versklavt.

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Ernst Benjamen Shemouns Augen wirken müde. Er sitzt auf dem Sofa, hat die Hände auf dem Bauch gefaltet und spricht ruhig. Raid Gharib, der Leiter des Diözesanrates der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, übersetzt aus dem Arabischen. Der Ton ist ernst. In den christlichen Gemeinden sorgen sich viele um ihre Familien im Krisengebiet. Die Frau eines Bruders von Benjamen Shemoun etwa kann gerade die Türkei wegen Visa-Schwierigkeiten nicht verlassen.

Den Schergen des Islamischen Staates entkommen

Wohnungen und Kirchen im Kurdengebiet sind überfüllt, die Flüchtlinge hausen in Zelten. Eine Übergangslösung. Der Winter kann im Nordirak kalt werden.

Fotos: dpa

Es ist die Frage der Perspektiven, die viele umtreibt. Das eigene Leben ist gerettet, aber was bringt die Zukunft? Was geschieht mit den Häusern? Können wir jemals zurückkehren? Gibt es für Zehntausende Flüchtlinge eine Zukunft im Kurdengebiet oder bleibt nur die Emigration? Der geflüchtete frühere Gouverneur von Mossul habe schon Hoffnungen gebremst, die Stadt könne innerhalb weniger Monate militärisch befreit werden. Flüchtlinge müssen sich auf einen harten Winter einstellen. Noch hausen viele in luftigen Zelten.

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Was die Lage zusätzlich erschwert, ist das verloren gegangene Vertrauen in die kurdische Verwaltung und das Militär. Das rasante Vorrücken des IS schürt Urängste. "Sicherheit ist aber das Wichtigste für uns", sagt der Mönch. Die Christen fühlen sich im Stich gelassen. Weder waren die Peschmerga, die kurdischen Streitkräfte im Irak, in der Lage, dem IS im Norden etwas entgegenzusetzen, noch gelingt es der kurdischen Autonomieregierung, die Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen.

Shemoun selbst weiß nicht, wie es für ihn weitergehen soll. Seine Heimatstadt Bahzani ist noch von Milizen des Islamischen Staates besetzt, das Kloster liegt in umkämpftem Gebiet. Von Warburg, dem Sitz der syrisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, will er in einigen Tagen wieder in den Irak aufbrechen. Und dann? "Ich bin zum Flüchtling im eigenen Land geworden", sagt er.