Auf den Spuren der industriellen Revolution

Heilbronn  Bei einer Rettungsgrabung auf der Kraneninsel in Heilbronn haben Archäologen einzigartige Funde gemacht – aber wie soll man sie der Nachwelt überliefern?

Von Michaela Adick

Die Insel muss man sich als verstecktes Idyll vorstellen, dabei ist das Eiland inmitten der Heilbronner Innenstadt gelegen, gleich neben dem heute vom Insel-Hotel belebten Hefenweiler. Groß ist sie nicht, die Kraneninsel mit dem Hauptanziehungspunkt Hagenbucher, in dem seit 2009 die Experimenta untergebracht ist. Nicht einmal richtig alt. Erst durch den Bau des Wilhelmskanals (1819 bis 1821) ist sie entstanden. Doch genau hier, mitten in der Innenstadt, hat sich seit Februar 2015 unter dem prüfenden Blick von Hunderten von Schaulustigen Spektakuläres getan.

Ein großes Team von Archäologen und Grabungstechnikern, von Grafikern und Arbeitern – gar ein Luftbildarchäologe wurde zu Rate gezogen – hat auf dem Gelände, auf dem bis Anfang 2019 der Erweiterungsbau der Experimenta entsteht, ungezählte Kubikmeter Erde ausgehoben. Nur um später in aller Behutsamkeit Schicht um Schicht freizulegen, bis das Team, das in Hochzeiten aus 25 Mitarbeitern des Landesamtes für Denkmalpflege in Esslingen bestand, in rund fünf Meter Tiefe schließlich auf die erhofften Fundamente des Heilbronner Mühlenviertels stieß.

In Holz gefasster Mühlenkanal

Dass sie dabei auch eine Kammerschleuse aus dem Jahr 1734 und den ganz in Holz gefassten Mühlenkanal aus dem Jahre 1830 entdecken würden, kam für das Team um Ivonne Weiler-Rahnfeld und Olaf Goldstein völlig unerwartet. Die Prospektion 2008 ließ keinen Rückschluss zu. Dabei waren sie gar nicht auf der Suche nach dem Schatz: Das Stadtarchiv hat die Geschichte des Mühlenviertels auf der Kraneninsel und dem Hefenweiler, jenem Areal, das oft als Wiege der industriellen Revolution in Heilbronn bezeichnet wird, längst bestens dokumentiert.

Bis zu 55 Mühlräder sollen sich hier einst gedreht haben. Auch die Firmengeschichten der großen und kleinen Öl- und Papiermanufakturen, etwa die Ölmühlen der Familien Rund und Baumann, die auf dem Gelände große Mühlen betrieben haben, sind nachhaltig untersucht. Die Baumannsche Ölmühle, begründet 1771, ging etwa 1882 in die Hand der Firma Carl Hagenbucher über, die, so vorsichtige Schätzungen des Stadtarchivs, vor 1914 ein Drittel der gesamten Ölerzeugung im damaligen Deutschen Reich produziert haben dürfte.

Wasser-Sperrtor sollte Beschiffbarkeit des Neckars sichern

Umso mehr freut sich Ivonne Weiler-Rahnfeld über die gänzlich unerhofften Funde, die sich in der nur 13 Monate andauernden so genannten Rettungsgrabung ergeben haben. „Überrascht hat mich der wider Erwarten dichte Baubestand auf dem Areal mit Fundstücken aus dem 15. bis 20. Jahrhundert, auch die prima erhaltenen Ufer- und Wehrbefestigungen.“ Besonders angetan hat es Ivonne Weiler-Rahnfeld die Kammerschleuse, die die Herzöge von Württemberg projektierten, weil sie eine durchgängige Befahrbarkeit des Neckars wollten.

Archivar Walter Hirschmann und Stadthistoriker Peter Wanner, die das Projekt von Seiten des Stadtarchivs betreuen, sprechen lieber von einem Wasser-Sperrtor, schließlich würde es doch an einem zweiten Tor fehlen. Doch das ändert nichts an der Bedeutung des Fundes, der im Südwesten einmalig ist. Nur in Schleswig-Holstein ist man bislang auf so eine Vorrichtung gestoßen.

Vollständig erhalten wird aus Kostengründen nichts

Aber wie soll man diese Funde nur der Nachwelt überliefern? Ein Datenvolumen von rund 800 Gigabyte ist inzwischen aufgelaufen, Olaf Goldstein möchte gar nicht daran denken, wie viele ausgedruckte Regalkilometer das sein mögen. „Dafür haben wir jetzt andere Probleme, mit denen wir uns herumschlagen müssen“, so der Archäologe. Auch Speichermedien kosten Geld. Aber was tun mit den Hölzern? Der Schleuse, die nicht Schleuse sein darf?

Vollständig erhalten werden wird, das ist jetzt schon klar, nichts. Schließlich handelt es sich um eine Rettungs- und keine Forschungsgrabung, längst steht das Architekturbüro Sauerbruch & Hutton (Berlin) in den Startlöchern, den Ergänzungsbau der Experimenta zu errichten. „Gute 70 Prozent des Geländes haben wir bereits Ende Januar den Bauentwicklern übergeben“, so Ivonne Weiler-Rahnfeld ein wenig wehmütig. Vieles gäbe es noch zu entdecken, gerade beschäftigen sich die verbliebenen elf Mitarbeiter der Denkmalbehörde mit der Brückenmühle aus dem 16. Jahrhundert.

Sechs Jahre Konservierung

Zurzeit werden die anfälligen Naturmaterialien aus dem 18. und 19. Jahrhundert in einer Außenstelle des Landesdenkmalamtes in Ludwigsburg in einem Wasserbad konserviert. Doch das ist bestenfalls eine temporäre Lösung. „Eine echte Konservierung dauert mindestens sechs Jahre, dazu müsste man die größeren Hölzer in einer Zuckerlösung aufbewahren, die geeignet wäre, Wasser aus dem Holz herauszudrängen, ohne es zu zerstören“, so Peter Wanner und Walter Hirschmann. Und das kostet. Ein höherer sechsstelliger Betrag müsste veranschlagt werden.

Wanner und Hirschmann sympathisieren mit einer kleinen Lösung. Eine Nachbildung des Mühlkanals vielleicht im Verhältnis 1:5 bringen sie ins Gespräch. Bleibt das angedachte 3D-Modell der Kammerschleuse: „Eine mediale Aufbereitung würde dem Haus der Stadtgeschichte gut zu Gesicht stehen.“ Denn auf dem Abenteuerspielplatz Kraneninsel wird alsbald nichts mehr zu sehen sein. Ende Februar räumen die Archäologen wie geplant den Platz. Und ganz neue Bauarbeiten beginnen.

 

Denkmalpflege

Die Anfänge der staatlichen Denkmalpflege reichen auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg bis ins 17. Jahrhundert zurück, als Herzog Eberhard III. von Württemberg 1670 seinen Untertanen befahl, dass alle aufgefundenen Altertümer tunlichst abzugeben seien. Mitte des 19. Jahrhunderts werden erste Konservatoren eingestellt. Im Zuge des Neuaufbaus des Heidelberger Schlosses entwickelt sich bereits um 1900 ein moderner konservatorischer Auftrag, der bis heute nichts an Gültigkeit verloren hat: Substanz sollte danach erhalten, das ursprüngliche Erscheinungsbild bewahrt werden. Von großer Bedeutung für das Mühlenviertel waren Fließgewässer, in dem die Räder der Mühlen standen: Mühlenkanal aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Idyll mitten in der Heilbronner Innenstadt: Historische Ansicht von Kraneninsel und Hefenweiler aus dem Jahr 1821.