Anti-Orgien-Kampagne hat Erfolg

Runder Tisch lenkt sexuelle Kontakte an der A 81 in geordnete Bahnen

Von Helmut Buchholz

Anti-Orgien-Kampagne hat Erfolg
Früher „Kälbling“, jetzt auch „Reisberg“ und „Grafenwald“ im Landkreis Heilbronn: Die Autobahnparkplätze sind für anonyme sexuelle Kontakte beliebt.

Foto: Buchholz

Früher begrüßte die Autofahrer, die auf dem Parkplatz „Kälbling“ an der A 81 anhielten, „ein nackter Hintern“, sagt Hermann Dengel. Der Ludwigsburger Polizist denkt nur ungern an die Zeiten zurück, als an dem Rastplatz von Ruhepause keine Rede sein konnte, weil sich hier zu viele schwule Männer zu schnellen, flüchtigen Sexualkontakten trafen. Heute hat sich die Homo-Szene verteilt und trifft sich auch auf den Parkplätzen „Reisberg“ und „Grafenwald“ an der A 81 im Landkreis Heilbronn. Die Unterländer Polizei beschwert sich nicht über diesen Verdrängungswettbewerb. Am Rande der Autobahn kommt es zwar immer noch zu den sexuellen Kontakten. Allerdings nicht mehr in den unkontrollierbaren Ausmaßen. Das war ein hartes Stück Arbeit. Nicht für die Polizei.

2003 gab es am Kälbling 40 Anzeigen wegen Sachbeschädigungen - die Toilettenwände waren mit Kontaktannoncen vollgeschmiert. Die benutzten Kondome lagen wild entsorgt als Müll herum. Dem Kreisgesundheitsamt in Ludwigsburg wurden zwei Syphilis-Infektionen gemeldet. Die Behörde glaubt, dass die Ansteckung auf dem Kälbling stattgefunden hat. Unbeteiligte Besucher wurden unfreiwillig Zeuge des Geschehens, zum Teil auch Kinder, deren Familien nur auf der Durchreise waren. Es gab deshalb eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Für die Polizei, die Autobahnmeisterei und die Stadt Steinheim, auf deren Gemarkung der Autobahnparkplatz liegt, war klar: So konnte es nicht weitergehen. Obwohl die Polizei täglich Präsenz zeigte und versuchte, die Szene zu vornehmer Zurückhaltung gegenüber allen Parkplatz-Besucher zu erziehen, fruchtete das wenig. Erst als sich die beteiligten Institutionen mit Stuttgarts ältestem Schwulen-Interessenverband, der Initiativgruppe Homosexualität (ihs), an einen Tisch setzte, bekamen die Ordnungskräfte die Situation in den Griff. Dieser runde Tisch ließ 5000 Faltblätter drucken und verteilte sie vor Ort. Inhalt des Flugblatts: Regeln, an die sich alle halten sollen, und ein Appell an die Toleranz und den Respekt der Parkplatznutzer. Und siehe da: „Die soziale Kontrolle funktioniert“, sagt Andreas Dittmann, stellvertretender Dienststellenleiter der Ludwigsburger Autobahnmeisterei.

Die Homoszene verteilte sich zwar zu etwa gleichen Teilen auf die A-81-Parkplätze Kälbling (Kreis Ludwigsburg), Reisberg und Grafenwald (beide Landkreis Heilbronn). Das Autobahnrevier Weinsberg bestätigt jedoch den Eindruck der Kollegen aus Ludwigsburg. „Es gibt die Szene am Reisberg und Grafenwald, aber sie macht keine Probleme“, erklärt Heilbronns Polizeisprecher Peter Lechner. Das belegt auch die Statistik: 2005 gab es keine einzige Anzeige mehr, 2006 nur drei.

Stolz präsentierte gestern der runde Tisch seine Erfolgsbilanz bei einer Pressekonferenz. „Es kommt noch zu sexuellen Handlungen“, sagt Kriminalhauptkommissar Hermann Dengel, „aber seriös, und so, dass es möglichst niemand mitbekommt“. Außer denen, „die es mitbekommen wollen“, ergänzt Joachim Stein von der ihs. Der Erfolg der Anti-Orgien-Kampagne hat sich sogar bis ins benachbarte Ausland herumgesprochen. Der Ludwigsburger Autobahnmeisterei liegen Anfragen aus einigen Bundesländern und der Schweiz vor. Denn der schnelle, flüchtige, anonyme Sex am Rande der Autobahn ist nicht nur ein Problem an der A 81.