Abseits der Weinlese-Romantik

Kostendruck und Fäulnisgefahr im Weinberg: Vollernter rütteln Trauben vom Stock

Von Kilian Krauth

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Vollernter sind auch am Heilbronner Wartberg zugange. Fahrer Albert Widmann braucht auf dem abschüssigen Gelände Nerven wie Drahtseile. Wenn sein Fahrzeug aus der Reihe tanzt, ist der Schaden groß.

Foto: Kilian Krauth

Manche Spaziergänger schütteln nur den Kopf, anderen blutet gar das Herz: Bei der Weinlese tauchen immer öfter Vollernter auf. „Man muss das nüchtern sehen“, betont Rolf Hauser von der Weinbauschule Weinsberg, „von Leseromantik kann heute kein Wengerter mehr leben.“

Wegen des hohen Kostendrucks seien auf allen Ebenen Rationalisierungen angesagt: also auch bei der Lese. Die Qualität des Lesegutes müsse darunter nicht leiden. Im Gegenteil: „Die Qualität der Helfer lässt oft zu wünschen übrig“, weiß Hauser.

Im Raum Heilbronn sind diesen Herbst sechs Vollernter unterwegs. Einer gehört der Lesefix GbR, hinter der Peter Möhle, Bernd Leisterer, Horst Kühner und Andreas Schick aus Heilbronn stehen. Sie bieten als Lohnunternehmen Wengertern ihre Dienste an. Umgerechnet verlangen sie pro Hektar 625 Euro plus Mehrwertsteuer. „Das ist rund halb so viel wie die Lesleut kosten“, erklärt Andreas Schick. Im Idealfall schaffe die Maschine pro Tag 75 Hektar. Diesen Herbst hat Lesefix 75 Besitzer von 500 Parzellen unter Vertrag.

Zum Beispiel am Heilbronner Wartberg. „Derzeit ist es ganz schön stressig, alle wollen fertig werden“, berichtet Andreas Schick. Wegen des hohen Fäulnisdrucks ist eine eilige Lese angesagt, hie und da müssen schlechte Trauben aussortiert werden. Während im Gewann Ried die letzten Helfer einpacken, klingelt bei Schick das Handy. In der anderen Hand hält der 42-Jährige einen Computerausdruck mit einem genauen Fahrplan. Plötzlich springen alle zur Seite. Der Vollernter kommt.

Albert Widmann hat den Überblick. Um das rund 200 000 Euro teuere Gerät fahren zu dürfen, reicht zwar ein normaler Pkw-Führerschein, um es aber zentimetergenau über die oft abschüssigen Rebzeilen zu steuern, braucht man viel Erfahrung - und Nerven wie Drahtseile. Der 58-jährige Wengerter hat sie. Mit vier bis fünf Kilometer pro Stunde fährt er den Hang rauf und wieder runter.

Wie ein verkehrtes, überdimensionales U umschließt die Maschine die Rebzeile von beiden Seiten und bringt sie zum Schwingen. Gleichzeitig läuft im Innern - und zwar gegen die Fahrtrichtung - ein Band, das mit handgroßen Bechern bestückt ist. Blätter werden weggeblasen. Die vom Stielgerüst geschüttelten Beeren purzeln in die Becher und werden zu zwei jeweils 1200 Liter fassenden Behältern befördert. Sobald sie voll sind, wird der Inhalt in die grünen Bütten gekippt und zur Kelter gefahren.

„Das Lesegut muss schnell verarbeitet werden, weil die angeschlagenen Beeren zur Oxidation neigen“, weiß Arne Maier von der Heilbronner Genossenschaftskellerei. Zu viel Sauerstoff führe zu mehr Trubstoffen, die den Wein gerbstoffiger, also härter machen. Analysen hätten ergeben, dass die Weinqualität beim korrekten Einsatz des Vollernters nicht leide. Neben normalem Qualitätswein dürfen selbst Spätlesen und Eisweine damit eingebracht werden. Auslesen aber nicht, weil der Begriff im Wortsinn die Auslese per Hand meint.