Der „Stern von Rio“ glänzt auch im Bottwartal

Warum Großbottwars Ortsteil Winzerhausen im Volksmund Rio genannt wird - Festschrift verbindet Namen mit Autobahnbau

Von Wolfgang Seybold

Der „Stern von Rio“ glänzt auch im Bottwartal
Der „Stern von Rio“ glänzt auch im Bottwartal

Im Ort gibt es sogar einen Skiclub „Rio“. Weit und breit ist aber kein Strand von Copa Cabana zu sehen. Und auch der Wunnenstein kann nur schwerlich mit dem markanten Zuckerhut verwechselt werden. Vom heißen, närrischen und aufreizenden brasilianischen Karnevalstreiben ist hier in der tiefen evangelischen Provinz schon gar nichts zu spüren.

Es wurde schon mehrfach der Versuch unternommen, die ungewöhnlich Bezeichnung „Rio“ für Winzerhausen zu erklären. So hat der Großbottwarer Ortschronist Werner Fuchs es in einem Aufsatz, der im Januar 2004 erschien, so zu erklären versucht, dass einige Großbottwarer Burschen sich mit dem Geheimwort „Rio“ verabredeten, um nach Winzerhausen auf den Tanzboden zu gehen. Das soll sich im Jahre 1942 zugetragen und der Filmtitel „Stern von Rio“ Pate für das Wort gestanden haben.

In der Festschrift für das Großbottwarer Stadtjubiläum erklärt Gerfried Wegener, Vorsitzender des Historischen Vereins Bottwartal, den Spitznamen „Rio“ damit, dass der Autobahnbau in Höhe der Gemeinde Winzerhausen in den Jahren 1938 bis 1940 die Ursache für „Rio“ gewesen sei.

Für die vielen Arbeiter, die zum Teil auch von weit her kamen, wurde von der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ eine große Baracke mit Kantine, Kino und Buchverleih genau an der Stelle errichtet, wo sich seit Alters her ein Tanzboden für die Jugend befand. Und nachweislich lief hier in dieser Zeit der Film „Stern von Rio“ mit der exotisch tanzenden Schauspielerin La Jana.

„Rioaner, Autobahner!“ - an diesen Ruf können sich auch Anna Groß und Adolf Streicher noch gut erinnern. Als Alteingesessene wissen sie noch gut, wie es sonntags auf dem Tanzplatz im Gewann „Oberer Urlesweg“ zuging. „Der Maler Haag kam von Ilsfeld herüber und spielte auf seiner Ziehharmonika zum Tanz“, erinnert sich die über 80-jährige Anna Groß.

Eine Musikkapelle „Rio Grande“ spielte angeblich in den Nachkriegsjahren in dem Ausflugslokal „Gipshütte“, das es ganz in der Nähe der Autobahn bis heute gibt.

Nach Meinung von Adolf Streicher könnte es sein, dass deshalb Winzerhausen als „Rio“ bezeichnet wird. Der 83-Jährige erzählt auch davon, dass sich die Landjugend während des Autobahnbaus auf dem Rohbau der Fahrbahn zum Tanzvergnügen einfand.

Manche „alten“ Winzerhausener, so auch Adolf Streicher, empfinden den Spitznamen „etwas herabsetzend“. „Wenn einer sagt: ,Der isch von Rio!‘ dann findet mir’s einfach luschtig“, meint dagegen Anna Groß. Und ihre Version mit ihrem Empfinden scheint dem Ursprung von „Rio“ am nächsten zu kommen, da sicher der Tanz und das Vergnügen als Ursache für diese ungewöhnliche Ortsbezeichnung im Bottwartal gelten kann.

Schade finden es beide Winzerhausener Senioren, dass bei den jungen Leuten im kleinen Ort der Begriff „Rio“ zu verschwinden scheint.